Held*innen

Emmi Pikler – Beziehung, Vertrauen und Zeit

19. Mai 2017

Emmi Pikler war eine ungarische Kinderärztin. Sie lebte von 1902 – 1984 und entwickelte eine liebevolle und achtsame Kleinkindpädagogik.

In Anlehnung an meinen letzten Blogpost, wo es um es Bindung zu Kleinkindern ging, schaue ich mir heute die Person Emmi Pikler an, die sich besonders dem Säuglings- und Kleinkindalter gewidmet hat. Für Pikler war die Geburt und das Beobachten ihres ersten Kindes ein prägendes Element, was ihr Wirken, ihre Gedanken, ihre Ideen und ihr Tun beeinflussten.

Ihre Philosophie:

3 Aspekte sind für Pikler und ihre Haltung ausschlaggebend.

Die beziehungsvolle Pflege: eine behutsame Versorgung des Kindes, die durch liebevolle Kommunikation und Achtung auf die Bedürfnisse des Kindes geprägt ist.

Die Bewegungsentwicklung: Jedes gesunde Kleinkind besitzt die Fähigkeit zur selbstständigen motorischen Entwicklung. Kinder müssen nicht zur Bewegung und zum Spiel angehalten werden.

Das freie Spiel: jedem Kind soll eine freies, ungestörtes Spiel ermöglicht werden. In einer geschützten, bewusst gestalteten und altersgemäß ausgestatteten Umgebung.

1946, nach dem Krieg, übernahm Pikler ein Kinderheim namens Lóczy in Budapest. Es gab viele Waisenkinder in dieser Zeit, in diesem Heim betreute sie bis zu 70 Säuglinge und Kleinkinder, von 0 – 3 Jahren. In dieser Zeit erforschte sie die Entwicklung der kleinen Kinder und entwickelte darauf basierend ihre Grundsätze.

Beziehung und Bindung

Vor allem auch bei den pflegerischen Tätigkeiten ist es sehr wichtig eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Es geht eben nicht nur darum, dass die Kinder gut versorgt sind. Entscheidend war für Pikler die Gestaltung der Beziehung zwischen Pfleger*in und Kind.

„Es ist unser Bestreben, dass weder die Kinder einer Gruppe noch die dazugehörigen Pflegerinnen ausgewechselt werden. … und den Pflegerinnen ausreichend Zeit zu einer guten Pflege zu sichern.“ Emmi Pikler

Diese Handeln war nicht nur gefühlsmäßig richtig für sie und für die Kinder. Es gab empirische Längsschnittuntersuchungen, die bewiesen, dass die Kinder keine Persönlichkeitsstörungen aufzeigten, die darauf hingewiesen hätten, dass sie im Heim groß geworden waren.

Warmherzig und achtsam

Diese warmherzige Beziehung stand für Emmi Pikler ganz ganz oben auf der Prioritätenliste. „Der Säugling braucht sehr viel Liebe. Er muss fühlen, dass wir ihn gern haben. Seien wir lieb zu ihm, lächeln wir ihm zu, reden wir mit ihm, spielen wir mit ihm. Vor allem aber: Sorgen wir für ihn! Die Liebe, die Sorgfalt muss das Kind umgeben, wie ein angenehmes, gleichmäßiges, warmes Bad.“ Emmi Pikler

Ganz praktisch: Sprich bei allem, was du tust mit dem Kind. Hab Blickkontakt und erkläre, was als Nächstes passiert und zeig ihm jeden Gegenstand, den du verwendest. Lass dir Zeit (also plane im Vorfeld Zeit ein) und sei aufmerksam. Keine Eile und Hektik, nach dem Motto „jetzt noch schnell wickeln“. Schenk dem Kind beim wickeln, anziehen und füttern ganz viel Aufmerksamkeit.

Für Pikler wäre es undenkbar gewesen, dass mehrere bzw. unterschiedliche Personen, das Kind abwechselnd wickeln würden. Für sie war auch klar, dass das Kind nicht ständig „umtanzt“ werden muss, was natürlich vor allem zu ihrer Zeit ein Kritikpunkt war. Ihr ging es darum, das Kind kennen und verstehen zu lernen und so zu wissen, was es braucht.

Spurensucherin

Ich liebe dieses Bild von Pikler. Die Aufgabe einer jeden Erzieherin/eines jeden Erziehers liegt darin, das Kind kennen zu lernen, einfühlsam zu beobachten: Dazu brauchen wir nicht nur unsere Augen, sondern „wir müssen beobachten, fühlen und denken, uns in die Welt des Kindes einfühlen, einleben.“* Wir begleiten die Kinder und sind Spurensucher*innen, die jedes Kind als kleinen Schatz erforschen und deren Bedürfnisse ausfindig machen. Und somit achten wir den Weg eines jeden Kindes und gestehen ihnen zu, ihr eigenes Tempo zu bestimmen.

Das bedeutet auch an vielen Stellen Zurückhaltung, wenn Kinder spielen und explorieren. Selbstwirksamkeit erleben Menschen dann, wenn das eigene Tun eine Wirkung erzielt, wenn wir ständig in das Tun der Kinder eingreifen, adaptieren sie die Erfahrungen nicht als eigene und werden somit in ihrem Erleben verunsichert.

Es bedeutet aber natürlich nicht, dass wir uns abwenden sollen. Eine emotionale Beziehung ist so wichtig und entsteht bei kleinen Kindern bei intensiver Zuwendung innerhalb der Pflege und eine aufmerksame Beobachtung und sprachliche Begleitung in ihrem Tun.

Nicht beschleunigen – nicht behindern

Gesunde Kinder entwicklen sich quasi „von allein“.

„Im Kind – auch schon im Säugling – besteht von Natur aus ein unversiegbares und immer zunehmendes Interesse für die Welt und für sich selbst.“*

Wir brauchen viel Vertrauen und ich glaube, unsere Gesellschaft und unsere Generation darf das wieder neu lernen.Wir dürfen dem Kind zugestehen, dass es seine Entwicklung selbst gestalten kann. Es wird sich im Spiel und in seiner Bewegung die individuellen Herausforderungen suchen, die für seine Weiterentwicklung nötig sind.

Ein „Vorsicht, Luca, du fällst gleich runter“ und ein ständiges am Popo-des-Kindes-kleben, aus Angst dass es sich auch ja nicht weh tut ist genau so wenig dienlich wie ein „Komm, du schaffst das“ und ein ständiges Pushen um das Kind zum höher, weiter, schneller anzutreiben. Auch alltägliche Handgriffe wie „Ich helfe dir schnell beim Jacke anziehen oder beim Schuhe zumachen“, stellen sich der individuellen Entwicklung des Kindes in den Weg.

Nein! „Vertraue. Und Lass mir Zeit!“ würde uns jedes kleine Kind sagen, könnte es doch schon sprechen.

„Forcieren wir den Säugling nicht. Versorgen wir das Kind gut, doch stören wir nicht den langsamen, stetigen Vorgang, der bei jedem Kind einen eigenen Rhythmus und Verlauf hat.“*

Die Freiheit des Kindes achten

Jedes Kind hat das Recht auf den eigenen Rhythmus, die eigene Zeit für seine Entwicklung. Pikler kritisierte stark Vergleiche mit anderen Kindern und den dadurch entstehenden Entwicklungsdruck. Kinder sollen ihre eigenen Schritte machen und somit ihre eigene, ganz individuelle Entwicklung durchleben, ohne Druck von außen.

Pikler glaubte, dass jedes Kind im Spiel und in der Bewegung Herausforderungen sucht, die es für seine Entwicklung braucht. Kinder sollen darüber entscheiden dürfen, was sie essen und wieviel, und in welchem Rhythmus sie schlafen und ruhen möchten und welche Aktivitäten sie auswählen.

Ist das nicht zuviel des Guten? „Irgendwo hörts ja wohl auch mal auf“, höre ich Stimmen sagen. Zuviel des Guten kann es meiner Meinung nicht geben. Wenn wir so handeln, stärken wir das Selbstvertrauen und Selbstgefühl von Kindern schon ganz früh. Etwas, was dann oft später in Schule und sozialen Einrichtungen ganz dringend nachgeholt werden will, können wir hier schon ganz früh etablieren.

Wenn wir Kindern dabei helfen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und sie lernen, dass diese ernst genommen werden, legen wir den Grundstein für eine selbstbewusste und emphatische Persönlichkeit.

Bewegung

Ein Kernprinzip Piklers Überzeugung war, dass jedes Kind seine Kompetenzen in der Bewegung selbst erlernt. Und wieder lautet Vertrauen das große Stichwort. Vertrauen darin, dass das Kind die Grundbewegungen selbst erlernen wird ganz ohne unser Zutun.

Es lernt von ganz alleine rollen und krabbeln, dann sitzen und stehen und gehen. Eine verlässliche Beziehung ist eine wichtige Voraussetzung und fördert die Motivation. Aber das ist auch schon alles, was wir leisten müssen. Und natürlich müssen wir Gelegenheiten bieten.

„Bei der selbstständigen Bewegung ist es nicht nur die Qualität der schönen Bewegung, es ist auch die Qualität des Lebens, das Gefühl: Wer bin ich? Was kann ich? Wie bin ich in meinem Körper? Welche Rückmeldungen habe ich? Und kann ich dieser Rückmeldung folgen? Oder bin ich ausgeliefert an andere Menschen? Wie gehe ich mit mir selber um? Das sind alles Fragen, die später auch für den Erwachsenen von Bedeutung sind.“* Anna Tardos

„In dem Buch von Emmi Pikler >Lasst mir Zeit< kann man ein Kind, Tibi sehen, im Alter von 18 Monaten mit einer  Schubkarre an einer achtstufigen Steintreppe, die in den Garten führt. Er ist vorsichtig, umsichtig, und weiß, wann er sich festhalten muss und wann nicht.

Einmal hält er mit beiden Händen die Schubkarre, aber als er sein Gewicht auf den anderen Fuss verlagert, muss er sich am Gitter festhalten. Tibi hat sich die Aufgabe selbst gestellt und wartet nicht, dass ihm jemand eine Aufgabe gibt. Als er es geschafft hat, wartet er nicht auf ein Lob, er schaut nicht einmal auf, ob jemand seine Leistung gesehen hat. Das Erlebnis: “Das habe ich geschafft” stärkt sein Selbstvertrauen und gibt ihm eine innere Freude.“*

Diese Momente kenne  ich gut. Wenn ich diese kleinen Geschöpfe beobachte und sie sich selbst gestellte Aufgaben hoch motiviert angehen und meistern. Sie scheitern, aber sie machen so lange weiter, bis sie es schaffen. So einen Moment zu erleben, lässt mich ganz ehrfürchtig werden vor dem Wunder der Entwicklung.

Es geschieht einfach alles von allein! Ist das nicht verrückt? Also, lassen wir uns NICHT verrückt machen, von Förderprogrammen und Vergleichen, Tabellen und Druck von außen (Schule, Abi, Gesellschaft, … oder was auch immer für Argumente gerne genannt werden.) Vertrauen wir! Das habe ich von Emmi Pikler gelernt.

Sie verstarb 1984, mein Geburtsjahr. Irgendwie ist das noch ein weiterer Grund für mich, ihre Botschaft in die Welt zu tragen…!


* Emmi Pikler: Friedliche Babys – zufriedene Mütter. Pädagogische Ratschläge einer Kinderärztin

* Anna Tardos: Lasst mir Zeit 

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1 Comment

  • Reply Das Leben meistern - mit Kopf, Herz und Hand - KinderwärtsKinderwärts 1. September 2017 at 17:23

    […] nicht so fortschrittlich…? Diese Gedanken kamen mir schon bei Lindgren, Montessori, Korczak, Pikler, Fröbel und nun auch bei Pestalozzi. Tja, wütend sein, bringt aber keinen weiter. „Sei du […]

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