Im Gespräch mit...

„Ich mag die Querulanten am Allerliebsten!“ Im Gespräch mit… einer Erzieherin

24. Mai 2017
Lena 

Immer wieder begegne ich tollen Erzieher*innen und mein Herz macht jedes Mal einen kleinen Sprung. Es gibt so viele tolle große Menschen, die sich um unsere kleine Menschen kümmern. Und ich finde, wir sollten ihnen eine Bühne geben und hören, was sie so zu sagen haben. Heute möchte ich euch Lena vorstellen. Wir haben ein tolles Gespräch an ihrem Küchentisch geführt, nicht nur über den Job der Erzieherin, sondern auch über Eltern, die verlernt haben auf ihr Bauchgefühl zu hören.

Ich besuche Lena zu Hause, so wohnt im Prenzel Berg, nahe dem Kollwitzplatz, die Kinder-Klischee-Gegend schlechthin in Berlin, hier reihen sich nette Cafés, Spielplätze, Eisläden, Kindermodeläden und schicke Boutiquen aneinander. Man findet hier super schön sanierte Häuser, saftiges Grün von vielen Bäumen und viele Zugezogene mit gutem Job, schickem Fahrrad und einem hohen Anspruch an die Bildung ihrer Kinder. Und mittendrin wohnt Lena mit ihrer Tochter, Urberlinerin, mit einer wunderschönen kleinen Wohnung, die nicht hübscher eingerichtet sein könnte.

Stellt euch einfach so ein richtiges „Berliner Mädchen“ vor, mit Berliner Dialekt und viel guter Laune!! 🙂

Lena arbeitet in einer Kita in einer Gruppe mit 25 Kindern (1 – 6 Jahre) mit einem Integrations-Kind und drei Kolleginnen zusammen. Im Haus sind 120 Kinder und die Kita ist auch im Prenzlauer Berg.

Schön, dass du Zeit hast! Du bist Erzieherin, dass wissen wir nun schon von dir, aber kannst du noch ein bisschen mehr über dich erzählen?

So ganz von vorne? Also, ich bin 37 Jahre alt und in Ostberlin geboren. Ich bin bis zum Ende der fünften Klasse in eine staatliche Schule gegangen und dann, ja dann war die Wende.

Meine Mama hatte Freunde in Österreich, die ganz begeistert von der Waldorfschule waren und dann hat sie mich und meine Schwester in West-Berlin auch auf einer Waldorfschule angemeldet. Am Anfang war es ein kleiner Kulturschock für mich: getupfte Wände, alles aus Holz, keine Noten und sitzen bleiben kannste och nicht. Aber es wurde dann total gut. Und ich bin froh, dass ich dort zur Schule gegangen bin.

Ich wollte eigentlich Schneiderin am Theater werden und habe dann aber den Abschluss der Assistentin für Mode und Design gemacht. Ich hatte sogar eine Weile einen kleinen Laden. Parallel und auch für eine Weile hauptsächlich habe ich in der Gastronomie gearbeitet.

Als dann meine Tochter kam, habe ich überlegt, was ich noch so machen könnte. Und eine Freundin hat mich dann überzeugt, dass ich es doch als Erzieherin versuchen soll. Als ich meine Bewerbungen für die Ausbildung geschrieben habe, habe ich mich auch zwischendurch gefragt, was machst du da?? Willst du wirklich Erzieherin werden? Ich war mir meiner Sache nicht so sicher, aber dann hat mich der Ehrgeiz gepackt und ich wollte das machen!

Ich arbeite auch heute immer noch nebenher als Kellnerin in einem Theater, weil ich das als Ausgleich brauche. Nur Erzieherin, nee, das könnte ich nicht. Ich kann nicht 40 Stunden Erzieherin sein, da würde ich durchdrehen. Jetzt arbeite ich 30 Stunden in der Kita. Ich liebe den Job, aber ich könnte mir eher vorstellen Vollzeit-Kellnerin zu sein, als Vollzeit-Erzieherin.

Du hast mal gesagt, dass du hohe Ansprüche an den Job der Erzieherin hast. Was heißt das für dich?

Ich habe vor allem hohe Ansprüche an mich selbst. Ich möchte jeden Tag, so gut es geht und so schön es geht gestalten.

Ich kann nicht so gut Dinge auf morgen verschieben, und ich will gerne mit den Kindern zusammen viel erleben und jeden Tag nutzen. Mich nervt die Trägheit von manchen Erzieher*innen.

Ich möchte, dass die Kinder nach Hause gehen und sagen: „das war echt ein cooler Tag heute!“

Mir wird es aber auch selbst schnell langweilig und zum Beispiel ein Tag an dem wir nicht mit den Kindern rausgehen, ist für mich sinnlos. Ich will die Zeit nutzen! Man kann so viele tolle Sachen machen. Ich meine jetzt nicht, die Kinder zu überladen mit Angeboten, sie sollen Spaß haben und ich möchte sie gerne motivieren. Es geht nicht darum etwas zu machen, weil es im Berliner Bildungsprogramm steht.

Hast du ein Motto? Was ist deine Idee vom Leben?

Da fällt mir immer nur ein: Carpe Diem ein. Ich bin nicht so eine Vorausschauerin und Planerin. Ich lebe jetzt und hier! Ich will nicht für die Zukunft arbeiten, ich will jetzt und hier ausnutzen. Für mich, aber auch für die Arbeit mit den Kindern.

Was willst du Kindern mitgeben?

Das Wichtigste ist das Selbstbewusstsein. Und Selbstbewusstsein bedeutet nicht immer nur stark sein, sondern wissen wer man ist und für sich selbst einstehen und selbstständig sein. Oder auch nach Hilfe fragen zu dürfen, wenn man sie braucht.

Ich bin gerne mit besonderen Kindern in Kontakt, die mich herausfordern. Ich finde man muss auch zugeben dürfen, dass es Kinder gibt, die einen „weniger interessieren“ und die einen sehr nerven können. Das geht uns ja mit Erwachsenen genau so. Ich mag nicht so die Ja-Sager. Das ist zwar für einen Kita Alltag super, aber ich mag eher die Querulanten. 😉

Kann ich sehr gut verstehen. Kannst du beschreiben, warum du sie so magst?

Weil sie mich herausfordern und sie regen mich an, mich selbst zu reflektieren. Sie bringen mich an Grenzen. Aber ich will sie gerne verstehen und wissen, warum machen sie das und das und was steckt dahinter. Ich finde, wir könnten alle noch viel mehr von diesen Kindern profitieren. Denn wenn man sich reibt, kommt etwas ans Tageslicht. Und man kann sich aneinander messen und lernt sich so richtig kennen.

Für mich als Erzieherin ist es wichtig klar zu sein und meine Grenzen auch deutlich zu machen. Manche Erzieher*innen sind mir zu labberig in ihrer Haltung, ich glaube Kindern hilft es Klarheit zu erleben.

Das ist ja auch vor allem für die Elternschaft oft ein Thema, Mut zum Nein, vor allem für Eltern, die ihren Kindern alles recht machen möchten (aus guten Absichten heraus). Sie tun ihren Kindern aber gar nichts Gutes damit! „Kinder brauchen Grenzen“ ist ja auch so ein Satz, den ich nicht mehr hören kann. Ich glaube aber eben auch, Kinder suchen Kontakt und zwar authentischen Kontakt und in dieser Beziehung bekommen sie mit: „aha, das war ihre Grenze!“ Und bei einer Kollegin sieht das vielleicht schon wieder ganz anders aus.

Ja, und das ist so eine wichtige Erfahrung. Jeder Mensch ist individuell.

Und so lernen Kinder auch, ich darf auch meine Grenzen klar zeigen.

Zum authentisch sein, gehört eben auch, ich darf auch mal genervt sein und dies äußern. Und vor allem im Prenzlauer Berg scheint es viele Eltern zu geben, die das nicht mehr machen. Da gibt es einfach eine große Unsicherheit bei den Eltern und sie wollen ALLES richtig machen. Dadurch vertrauen sie überhaupt nicht mehr ihrem Bauchgefühl. Und Erzieher*innen lassen sich da manchmal davon gerne anstecken.

Auch diese ganze Frühförderung… Puh. Das ist nicht gut, glaube ich. Ich denke irgendwie „Hauptsache, die kommen in der Gesellschaft klar und können sich dort einfügen und auch durchsetzen!“

Mathematische Grundformeln kommen noch früh genug. Außerdem: die Kinder hier im Prenzel Berg, die können alle schon ihren Namen schreiben und bis 100 zählen und ach, noch viel mehr. Die gehen auch zum Hot Yoga. Die wollen auch einfach mal in Ruhe gelassen werden. Da musste ich mich auch erst dran gewöhnen, aber ich gestehe es denen zu und kann sie auch verstehen.

Denkst du, dass diese Kinder ein sehr stressiges Leben haben?

Nee, das denke ich nicht. Aber die haben kein selbstbestimmtes Leben. Sie sind nie alleine, sie dürfen nie mal eine Entscheidung alleine treffen. Und wie sollen sie lernen, auf ihr Bauchgefühl hören, wenn die Eltern das auch nicht mehr machen. Die Eltern messen sich auch so sehr aneinander. Die gehen zum Bogenschießen, und jeder will seinem Kind was bieten, Karate, Yoga, Chinesisch, … Und man hört auf der Straße Dialoge wie: „Ach, ihr macht nur einmal die Woche Judo. Aha!“ Da denken sich die Eltern, „Oh je, mein Kind braucht auch noch drei Kurse, sonst kann es nicht mithalten!“ Der Druck der Elternschaft ist groß.

Was kann man dagegen machen?

Es ist schon schwer, sich nicht davon anstecken zu lassen.

Wahrscheinlich ist es ein Prozess und man muss sich total viel reflektieren und in sich reinhören, und fragen, was man da tut, warum und für wen? Macht man das aus schlechtem Gewissen, macht man das aus Abgrenzung zu den eigenen Eltern? Oder macht man das wirklich, weil das Kind das möchte und ihm gut tut? Und man darf sich nicht von der Umwelt verrückt machen lassen!

Vertrauen ist auch ein gutes Stichwort. Es gibt so ganz viel angelesenes Wissen, aber kein Vertrauen mehr in das eigene Gefühl und Wissen, was wir als Eltern doch eigentlich haben. Und wenn wir immer beschützen wollen und nicht in unser Gefühl vertrauen, vertrauen wir auch unseren Kindern nicht.

Und das brauchen sie aber so dringend, unser Vertrauen.

Wir müssen nicht immer alles perfekt machen als Eltern, das ist mein Plädoyer an alle Eltern.

Wenn du eine „Kita wunschfrei“ aufmachen könntest? Wie würde sie aussehen?

Also, es wäre auf jeden Fall nicht nur eine Kita, sondern ein Ort für verschiedene Menschen. So ein Rundumpaket. Ein Eltern-Kinder-Wohlfühlhaus. Es gibt eine Kinderbetreuung, ein Café, eine Boutique, Sportmöglichkeiten. Und gerne mehrere Generationen, mit so gemeinsamen Patenschaften. Ich finde, es sollte nicht so strikte Abgrenzung zwischen Schule, Kita, Krippe und auch älteren Menschen geben. Das ist so unnatürlich.

Und die Haltung von Waldorf wäre mir wichtig, die mich auch so doll geprägt hat. Alles, was man kann, ist gleich viel wert! Es ist egal, ob du gut in Mathe, in Bio, in Deutsch, im Töpfern oder Schnitzen bist. Es hatte alles die gleiche Wertigkeit. Jeder kann was und das wird wertgeschätzt. Und wenn du was anderes halt nicht kannst, ja dann halt nicht. Weißte!?

Wie würde dein Betreuungsschlüssel aussehen?

Höchstens eins zu fünf. Und bei kleineren Kindern eins zu zwei, um auch wirklich den kleinen Kindern gerecht zu werden.

Wenn dir jetzt Verantwortliche aus der Politik gegenüber sitzen würden, was würdest du ihnen gerne sagen?

Kommt mal einen Tag oder eine Woche in die Kita und schaut euch das an! Das ist auch schon alles, mehr muss man dann dazu auch gar nicht sagen.

Was hilft dir an so richtigen Scheißtagen?

Ich habe leider kein Rezept, aber was auf jeden Fall hilft Humor. Ich muss lachen und Scherze machen können! Und wenn ein Kind mich zur Weißglut treibt, stell ich mir manchmal vor, was die Kinder mal werden, wenn sie erwachsen sind. Zum Beispiel Kleingarten Vorstandsvorsitzender mit Notizblock, der durch die Gegend läuft und aufschreibt, wenn die Hecken zu hoch sind und dann muss ich lachen und es geht wieder. Es relativiert sich alles und ich sage mir: „verdammt nochmal, nimm es nicht so ernst!“ Aber an so richtig blöden Tagen kommt auch mir der Humor abhanden.

Was ist das Schönste für dich an dem Job?

Ich muss mit diesem albgenudelten Satz antworten: „Die Kinder geben einem so viel!“ Ich glaube, wir geben auch sehr viel, aber ich weiß auch nicht… Die Kinder geben einem schon sehr viel. Ich glaube deren Vertrauen zu bekommen ist das Allerschönste! Und wenn ich morgens in die Kita gehe und mir die Kinder entgegengerannt kommen und dich nicht mehr los lassen!

Es ist ihnen nicht egal, wer sie begleitet.

Und was ich ihnen nun beibringe oder nicht, am Ende denke ich: Hauptsache, man ist man selbst und Erziehung ist doch letztendlich nichts anderes als Vorbild-sein. Die schauen sich doch ne Menge von uns ab, du kannst ihnen einen vom Pferd erzählen, wenn du selbst nicht davon überzeugt bist, nehmen sie es dir eh nicht ab.

Wenn das kein schönes Abschlusswort ist! Vielen Dank liebe Lena!!

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 Wenn du auch jemanden kennst, dem wir zuhören sollten, schreib mir gerne den Kontakt.

5 Comments

  • Reply Alice 24. Mai 2017 at 20:19

    Eine Tolle Erzieherin, die liebe Lena. Ich wünschte, dass alle Erzieher und Erzieherinnen so eine tolle Einstellung hätten. Naja, die Hoffnung stirbt zuletzt. Weiter so!

    Liebe Grüße von Alice

  • Reply Hej Hanse 24. Mai 2017 at 20:22

    Sehr, sehr tolles Interview, liebe Lena umf liebe Anna!

    In so vielen Punkten kann ich nur sagen: Ja, so isses! Toll find ich, dass du den Kinder, die gern mal anecken, positiv und offen gegenübertrittst. Allein schon das von vielen benutzte Wort „Problem“kind zeigt ja, was im Vordergrund steht – nicht das Kind als Persönlichkeit, sondern die Schwierigkeit, die es verursacht, weil es von der Norm für Wasauchimmer abweicht.

    Und ja, das mit dem Bauchgefühl von Müttern und Vätern ist in unserer Ratgeber-orientierten Elternwelt oft schwierig. Ich versuch zumindest, als erstes immer auf mein eigenes Gefühl zu hören – klappt oft, aber nicht immer.
    Liebe Anna, diese Art von Interview les ich echt gern – also immer her mit weiteren 🙂

    Liebe Grüße, Ulli

  • Reply Ama 24. Mai 2017 at 21:49

    Hallo, Lena und Anna,
    Danke für das Interview. Ich finde die Idee einer rundum Kita gelungen. Vor allem auch mit den unterschiedlichsten Altersstufen.
    Wir hatten eine Zeitlang eine Krippenoma, die besondere Zeiten mit den Lütten gestaltete, einmal in der Woche
    Sie wohnte so nah, dass wir sie auch besuchen konnten, ein besonderer Anlaufpunkt für die Kinder.

  • Reply Annika 25. Mai 2017 at 16:36

    Hallo ihr beiden Herzensmenschen.
    Das ist ein sehr schönes Interview und ich habe es mit Freude gelesen.
    Ich finde es immer wieder faszinierende das so viele Erzieherinnen sagen, sie würden eigentlich gerne etwas anderes machen, hätte gerne etwas anderes gelernt oder würden gerne ihr Hobby zum Beruf machen. Und genau das sind DIE Erzieherinnen, die einen wunderbaren Job machen, ihr Herz am rechten Fleck tragen und für ihren Beruf leben.
    Auch ich denke immer daran, am liebsten eine Schreinerlehre gemacht zu haben und „blos nichts mit Menschen“… und heute leite ich eine kleine Kita und bin stolz wie Bolle auf mich selbst.
    Weiter so ihr Beiden <3
    Annika

  • Reply Henrik 26. Mai 2017 at 10:45

    Hallo Anna, Hallo Lena,

    was für ein tolles Interview. Ich bin ja noch mitten in der Aubsildung und brauche genau sowas als Ansporn, es nicht allen nachzumachen. Es ist schön zu lesen, dass Trägheit nervt. Kinder sind aktiv und interessiert. Deshalb macht es mir Freude mit Kindern zu arbeiten. Mit ihnen kann man den Tag fröhlich und bunt gestalten. Dazu braucht man oft nicht viel. Sie freuen sich über viele Kleinigkeiten, die sie im Alltag lernen können. Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein sind da sehr wichtig. Bisher habe ich bei vielen Alltagsaufgaben immer mindestens zwei Kinder dabei gehabt, die einfach helfen wollten. Und wer kann da schon nein sagen? Erklären was man macht und wieso man es macht ist für die Kinder sehr interessant und vor allem wichtig. Das ist etwas, dass sie von Zuhause auch nicht immer kennen.

    Ein sehr schönes, offenes und aufschlussreiches Interview.

    Liebe Grüße
    Henrik

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