Selbstfürsorge

Persönliche Verantwortung übernehmen: Wie sorge ich gut für mich selbst?

19. Juli 2017

Dieses Thema beschäftigt mich schon lange…

Als ich vor Jahren zum ersten Mal Bücher von Jesper Juul las, war es so, als hätte ich eine Erleuchtung. Ich las das Buch „Dein kompetentes Kind“ und verstand sehr viel, zuallererst über mich. Ohne ständig zu denken, was in meiner Kindheit richtig oder falsch gelaufen war, erkannte ich Zusammenhänge, verstand mein Handeln, sah meine Beziehung zu den Kindern in einem neuen Licht.

Vor allem war das Thema persönliche Verantwortung für mich sehr präsent. Ich verausgabte mich zu dieser Zeit in meinem selbstaufgebauten Projekt total. (Dazu vielleicht an anderer Stelle mehr.) Sicherlich kennt ihr das nur zu gut… Denn wir, die wir im sozialen Bereich arbeiten, arbeiten erstens in einem Job, in dem wir uns schnell verausgaben und über unsere Grenzen gehen. Und zweitens sind wir scheinbar sehr geprägt im Bereich sozialer Verantwortung, sonst hätten wir sicherlich nicht dieses Berufsfeld gewählt. Diese soziale Verantwortung überschattet die persönliche Verantwortung und lässt sie meist an zweiter Stelle stehen.

Juul differenziert zwischen sozialer Verantwortung und persönlicher Verantwortung

Definition Soziale Verantwortung:

„Soziale Verantwortung meint die Verantwortung, die wir in der Familie, der Gesellschaft und in der Welt füreinander haben. Es ist die Verantwortung, zu der unsere Großeltern und Lehrer erzogen hat. Es ist die soziale Verantwortung, die notwendig ist, damit die Gruppe oder Gesellschaft der wir angehören, intakt bleibt.“*

Mein Eindruck ist, dass in unseren Bildungseinrichtungen, in unseren Familien (auch in meiner Erziehung früher) die soziale Verantwortung sehr sehr sehr groß geschrieben wird! Natürlich, meine Großeltern haben in ihrer Kindheit gelernt, zu überleben und dankbar für Arbeit, Gesundheit und Essen zu sein. So haben sie an ihre Kinder die Wichtigkeit der sozialen Verantwortung weitergegeben.

Für sich selbst und seine Seele sorgen? War man nicht gewöhnt, war ein großer Luxus und auch zum Teil verpönt. Begriffe wie „zum Seelenklempner gehen“ oder „der/die ist auch so ein Psycho-Ei“ mit einem leicht überheblichen Ton sind so Sätze, die ich aus dieser Generation immer wieder höre. In der dörflichen Gemeinschaft bei mir sprach man durchaus über körperliche Gebrechen der Nachbarn, Depressionen wurden aber sicherlich nicht thematisiert…

Die frühe Erziehung hatte das Ziel, sich gut aufzuführen und nicht zu lernen, man selbst zu sein und sich selbst zu kennen.

So taten sich auch unsere Eltern schwer die Wichtigkeit der persönlichen Verantwortung weiter zu geben, hatten sie sie selbst ja eben nie erlernt. Ich denke, diese Generation erkämpft sich diese „neue Haltung“ und die persönliche Verantwortung zum Glück heute und holt es nach.

Und unsere Generation? Will es anders machen, von Anfang an! Spürt die große Sehnsucht danach und die Richtigkeit und Wichtigkeit. Yogakurse, Selbst-Coaching, das Thema Achtsamkeit, Tage im Kloster, Zeitschriften wie die Flow oder Slow erleben deswegen einen mega Hype, weil wir in unser Kindheit und in unserem bisherigen Leben nicht wirklich gelernt haben, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen. Wir wollen gut für uns selbst sorgen und machen deswegen diese Kurse, kaufen diese Zeitschriften, nehmen uns Auszeiten und versuchen zu lernen gut für uns zu sorgen und legen damit eine gute Grundlage in unserem Leben.

Definition persönliche Verantwortung:

„Die persönliche Verantwortung hingegen ist die Verantwortung, die wir für unser eigenes Leben haben – für unsere physische, psychische, mentale und spirituelle Entwicklung. zu dieser Verantwortung sind die wenigsten von uns erzogen worden, doch ist sie die größte Kraft, die wir kennen, um das eigene Wohlbefinden zu fördern und den Gesellschaften, denen wir angehören, kreative Energien zuzuführen.“ *

Wie können wir aber Kinder diese persönliche Verantwortung an vermitteln?

Indem wir sie Verantwortung von Anfang an dort übernehmen lassen, wo sie dazu in der Lage sind: Kinder sind vor allem sehr kompetent, was die Wahrnehmungen ihres eigenen Körpers angeht: Die Sinne, die Gefühle und die Bedürfnisse. In diesen drei Bereichen können Kinder von Anfang an (!!) selbst Verantwortung übernehmen. *

Kinder ernst nehmen

Kinder ernst zu nehmen bedeutet ganz konkret:

das Recht des anderen anerkennen, seine individuellen Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle zum Ausdruck zu bringen

lernen, die Bedürfnisse und Gedanken des anderen aus seiner Perspektive zu betrachten

uns auf seinen Ausdruck konzentrieren, damit wir uns besser in seine Situation hineinversetzen können und nicht um Beweise gegen ihn und seine Wünsche zu sammeln

seinem Verhalten mit Verständnis begegnen und unsere eigene Position ernst nehmen. *

Schaue ich in viele Bildungseinrichtungen wird dort Kindern vermittelt, dass sie nerven und stören und ihre Gefühle und Bedürfnisse nicht ernst genommen werden. Dies wird von Menschen vermittelt, die es auch nicht gewohnt sind ernst genommen zu werden und die die Bedürfnisse der Kindern nicht sehen und nicht stillen wollen und zum Teil können. So entstehen meistens Machtkämpfe, die zwar meistens die Erwachsenen gewinnen und somit die Integrität der Kinder verletzen. Letztendlich gewinnt aber keiner dabei.

Wir können nicht immer sofort alle Bedürfnisse der Kinder stillen, manchmal ist es einfach zeitlich, logistisch, nicht möglich. Vor allem Kinder in der Autonomiephase bräuchten es manchmal, dass wir die Erdachse für sie verschieben, weil im wahrsten Sinne des Wortes die Welt Kopf steht. Es geht nicht, selbst die besten Pädagoginnen und Eltern werden das nicht hinkriegen ;).

Aber wir können immer ihre Gefühle und Bedürfnisse sehen und ernst nehmen. Wir oben beschrieben, müssen wir uns dafür in sie hinein fühlen und die grundsätzliche Einstellung haben, dass die Meinung der Kinder genau so wichtig ist wie unsere (Gleichwürdigkeit). Wir können miteinander reden und sie bestätigen in dem, was sie fühlen und brauchen.

Gefühle kennen lernen

Wenn Kinder ihre Gefühle kennen und sie ausdrücken können und darin ernst genommen werden, entwickeln sie ein stabiles Vertrauen in die eigene Gefühlswahrnehmung.

Sie können sich so darüber bewusst sein, was sie fühlen und brauchen und können dies einfordern. (Übrigens ein ganz wichtiges Thema im Bereich Prävention und Kinderschutz, wozu ich grad erst einen Artikel geschrieben habe.)

Wenn wir zum Beispiel sagen: „Das Essen schmeckt doch, iss es“, „Der Pulli kratzt nicht, zieh ihn an“ „Stell dich nicht so an, das war nicht so schlimm“ vermitteln wir den Kindern, deine Gefühle sind nicht ganz richtig, ich weiß es besser.

Es ist wichtig, dass wir die Gefühlswahrnehmungen und Äußerungen der Kinder ernst nehmen und bestätigen, dass wir es respektieren. Sicherlich gibt es tausend Situationen im Alltag, wo man mit dem Kind gemeinsam schauen kann, wie man nun mit den Wahrnehmungen umgeht. Wenn der Pulli kratzt, können wir dem Kind Auswahlmöglichkeiten anbieten oder ein T-shirt darunter zu ziehen. Es ist absolut wichtig, dass ihr Kinder ernst nehmt!!! Kinder sind von Anfang an vor allem sehr kompetent, was die Wahrnehmungen ihres eigenen Körpers angeht und wir dürfen es ihnen nicht wieder abtrainieren, indem wir die soziale Verantwortung oder den Wunsch nach vermeintlichem „guten Benehmen“ oder unsere eigenen Bedürfnisse darüber stellen.

Dies ist allerdings nicht damit zu verwechseln nun zu einer Servicekraft des Kindes zu werden. Kinder lernen nämlich auch dadurch ihre Gefühle und Bedürfnisse kennen, indem sie sehen, dass Erwachsene auch welche haben und sie deutlich machen. Hier agieren wir wieder als Vorbild. Wenn wir also unsere Gefühle und Bedürfnisse kennen und benennen, sind wir die besten Lehrmeister für unsere Kinder.

Im pädagogischen Job für sich selbst sorgen

Kinder lernen durch uns als Vorbilder, viel mehr als uns es uns das bewusst ist. Es gibt so viele Dinge, die ich von meinen Eltern übernommen haben, einfach weil sie es gelebt haben und nicht weil sie es mir „gepredigt“ haben! Ich glaube, dass wir Kindern soziale wie persönliche Verantwortung vorleben können.

Dafür müssen wir natürlich wissen, wie wir gut mit uns umgehen können und uns selbst kennen (lernen) und uns zugestehen, für uns zu sorgen. Egal, was Kolleg*innen, Nachbarn, die Gesellschaft, deine Familie und Freunde darüber denken.

Selbstfürsorge

ist ein riesiges Thema, ich kann es an dieser Stelle nur ganz sanft und oberflächlich streifen. Ich habe erst durch ein tiefes Tal gehen müssen, um zu erkennen, dass ich mein Leben und Handeln zu 100% selbst in der Hand habe und nicht getrieben sein muss von meinem Umfeld, von Erwartungen, von Druck, von „das macht man so“, von Geld, von …

Selbstbestimmt zu leben musste ich lernen: Nein sagen, Pausen machen, Feierabend machen,regelmäßig essen, eine gute Zeiteinteilung … Es klingt nach simplen Dingen, für mich waren es kleine Berge, die ich erst erklimmen musste, um dann klar zu sehen, was ich brauche.

Hier nur zwei/drei Tipps, die mir im Alltag helfen und geholfen haben:

 Selbst anerkennen und wertschätzen, was ich tue

Ich richte, meinen Blick, auf das, was ich schon geschafft und gemacht habe und nicht nur auf das, was ich noch „alles machen muss“.

Ich sehe an, was ich alles gemacht habe, erkenne es an und wertschätze es, ich reflektieren dieses Handeln, denn es heißt nicht, dass alles gut war. Dadurch entsteht ein neues Gefühl. Ich handle nicht mehr nur Aufgaben- und Defizitorientiert. Außerdem bin ich nicht abhängig von dem Lob meines Umfeldes.

 Sich das nehmen, was ich brauche

Klingt jetzt erstmal in unseren egoistischen, egozentrischen Welt etwas kontraproduktiv, aber wenn das dein Thema ist, wirst du etwas damit anfangen können, dass ich dich dazu auffordere.

Sei es eine kleine Pause und ein Kaffee, sei es eine neue Herausforderung (z.B. eine neue AG, eine andere Gruppe). Wir können Situationen gestalten und sind ihnen nicht ausgeliefert, ein Gespräch mit dem Team, mit der Chefin in dem wir unseren Wunsch und das Bedürfnis schildern und fordern bringt oft eine positive Veränderung, mit der wir nie gerechnet haben. Weil wir dachten, da kann jeder kommen oder wir sind ja nicht bei „wünsch dir was“. Doch sind wir!! Manchmal heißt das übrigens auch den Job zu wechseln. 😉

Manchmal werden das auch andere kritisch beäugen, weil sie sich nicht nehmen, was sie brauchen. Auch das kenne ich! Da muss drüber stehen und wir können diese Menschen auch anregen, einzufordern, was sie brauchen.

 Schuhe nicht anziehen

Leute, ich habe mir jeden Schuh angezogen. Ob er mir nun hingestellt wurde oder nicht. Hatte ein Kollege schlechte Laune, dachte ich, ich könnte was dafür oder ich könnte nun zumindest etwas dagegen tun. Hatte man den Geburtstag eines Kindes vergessen, war mir klar, dass es zumindest auch meine Schuld war. Ich „musste“ und wollte alles perfekt machen. Ihr wisst sicherlich wovon ich spreche.

Lass die Schuhe einfach stehen, entweder zieht sie derjenige an, dem sie gehören oder es zieht sie jemand an, der sie noch nie anhatte (das ist manchmal erstaunlich, was passiert, wenn man mal loslässt). Vielleicht werden die Schuhe aussortiert oder sie bleiben einfach da stehen.  Das macht gar nichts. Da steht dann einfach ein paar Schuhe. 🙂 Jedes mal, wenn du einen in Gefahr bist, sie dir anzuziehen, mach einen großen Schritt drumherum.

Hmm…. das sind nur ein paar kleine Impulse, die mir ehrlich gesagt, jetzt so als erstes in den Kopf kamen… Habt ihr Interesse an mehr? Vielleicht auch an kleinen Entspannungsübungen für den Alltag, dann sagt gerne bescheid!!

Nur wenn wir persönliche Verantwortung für uns übernehmen, können wir gut für die uns anvertrauten Kinder sorgen und ihnen dies gleichzeitig vermitteln und vorleben. Ich hoffe, du sorgst gut für dich!!?


*  „Dein kompetentes Kind“ von Jesper Juul, eins meiner Lieblingsbücher.

3 Comments

  • Reply Tina 19. Juli 2017 at 22:58

    Danke für diese Gedanken! Und bitte mehr davon!
    Ich lese deine Beiträge total gerne. Sowohl beruflich (ich bin Sonderpädagogin) als auch privat (mit zwei kleinen Kindern) interessieren mich die Themen sehr.

  • Reply marei 20. Juli 2017 at 13:11

    danke! und ja, gerne mehr!

  • Reply LyKa 21. Juli 2017 at 18:12

    Ja, „gut für sich sorgen“ wird immer häufiger empfohlen. Danke für deine Gedanken, die endlich auch ein wenig zeigen, wie man das denn nun eigentlich anstellen soll…
    Gerne mehr davon!

    Liebe Grüße, Lydia

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