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Im Gespräch mit Christian Rommert: Über sichere Orte für Kinder und Ressourcen

7. September 2017

Ich freue mich sehr, heute ein Gespräch mit Christian Rommert führen zu dürfen. Christians Hauptthemen sind die Leidenschaft für Leitung, das Laufen und vor allem der Schutz der Kinder in unseren Einrichtungen und Kirchen. Ich schätze Christian sehr, weil er gute Gedanken hat und kein Blatt vor den Mund nimmt bei vermeintlichen Tabuthemen. Wir sprechen heute über Leitung, darüber, wie man gut für sich sorgen kann und wie wir unsere Kinder in den Einrichtungen schützen können. 

Kinderwärts: Lieber Christian, wir kennen uns schon lange, haben sogar schon zusammen auf der Bühne gestanden, aber meine Leser*innen kennen Dich noch gar nicht… Wer bist Du? Was sollte man über Dich wissen?

Christian Rommert: Seit ich mich vor einigen Jahren selbstständig gemacht habe bin ich Redner, Autor und Berater. Ich engagiere mich für Kinderschutz in Kirchen, Kindergärten und Schulen und arbeite als Berater und Trainer für Führungskräfte. Außerdem bin ich Sprecher bei der ARD-Sendung Wort zum Sonntag.

Ich würde gerne zuerst mit Dir über das Thema Leitung sprechen. Was macht für Dich eine gute Leitungspersönlichkeit aus? 

Als allererstes: Leitung heißt Orientierung geben. Wer Leitung nur moderiert, lässt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter allein. Es ist die Aufgabe von Leitung immer wieder auf das eigentliche Ziel, den Zweck, die Vision zu verweisen und zu gewährleisten, dass sich alle Entscheidungen daran orientieren. Eine Leitungspersönlichkeit zeichnet sich durch Begeisterung für den Zweck und das Ziel des Unternehmens aus und kann andere davon begeistern!

Vor allem in Kitas rutschen die Leiter*innen oft so hoppla hopp in ihre Aufgabe. Wenns gut läuft, springt früher oder später noch eine kleine Fortbildung raus. Aber selten werden die Kolleg*innen, wie Führungskräfte in anderen Unternehmen, so richtig fit gemacht. Dabei haben sie so eine wichtige Aufgabe und halten den ganzen Laden zusammen, sie müssen viel Administration beherrschen, aber vor allem ein Team anleiten, mit Eltern kommunizieren, …
Da ist das Thema Kommunikation wirklich ganz vorne dabei. Das ist hier ist zwar kein Workshop mit Dir, aber kannst Du vielleicht die Deiner Meinung nach wichtigsten Kommunikations-Skills weitergeben!?

Ein wirksames und für mich sehr inspirierendes Modell ist das „Bewusstseinsrad“. Man findet dazu einiges im Internet. Ich glaube, Kommunikation gelingt da, wo es mir gelingt, zu mir selber zu stehen, meinen Standpunkt zu vertreten und gleichzeitig Rücksicht auf mein Gegenüber nehmen kann. Oft lösen wir das zu einer Seite auf. Entweder nehme ich mich nicht ernst und ärgere mich auf dem Nachhauseweg darüber oder aber ich überrenne mit meiner Art mein Gegenüber und es entsteht ein ungutes Gefälle.

Das Ziel sollte es sein. Eine Lösung zu finden, bei der ich und mein Gegenüber das Gefühl haben, das Ergebnis passt für beide Seiten. Die Herausforderung, die Du beschreibst, sehe ich übrigens genauso. Manchmal denke ich – gerade für die Leitung von großen Einrichtungen – es braucht einen eigenen Studiengang „Kitaleitung“ oder „Schulleitung“, der natürlich pädagogisch ausgerichtet ist, aber auch BWL Anteile hat. Denn es reicht nicht, pädagogisch brillant zu sein, wenn es an die Frage der Führung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht. Am meisten ärgert mich übrigens der Satz: „Schule (Kindergarten, Kirche) ist so ganz anders als ein wirtschaftliches Unternehmen!“ Häufig ist dieser Satz nur eine Ausrede für miese Leitung und einen unprofessionellen Auftritt!

Das stimmt. Ich glaube, es gibt übrigens in manchen Bundesländern schon einen berufsbegleitenden Master für Leitung von Bildungseinrichtungen. Aber eben nicht verpflichtend und somit ist auch immer die Frage, wer bringt „freiwillig“ die Zeit auf und wer trägt die Kosten? Da ist also noch einiges zu tun…

Wir, die wir im sozialen Bereich tätig sind, haben vor allem gelernt, für Andere Verantwortung zu übernehmen und können leider oft nicht so gut für uns selbst sorgen. Dabei ist der Stress in Kitas und Schulen enorm und jeder verausgabt sich. Der Personalmangel in den Einrichtungen ist ja zur Zeit riesig und erzeugt noch mehr Druck. Die Burn-Out Zahlen und der Krankenstand zeigen, es wird gearbeitet, bis gar nichts mehr geht. Wie können wir gut für uns sorgen, wenn das Umfeld Selbstfürsorge so gar nicht vorsieht? Als Chef aber auch als Angestellte*r? 

Eine wichtige Erkenntnis ist: Alle leben mit begrenzten Ressourcen. Wir haben eben nur 24 Stunden und 7 Tage. Egal, wieviel wir arbeiten, irgendwann sagen wir: jetzt reicht es. Ob dieser Punkt nach 8 Stunden, 12 Stunden, 16 Stunden erreicht ist – das allerdings ist eine Frage unserer inneren Haltung. Mir scheint es, als haben wir hier eine innere Programmierung. Ich will dafür sensibilisieren, diese Haltung zu überprüfen: Warum sage ich erst nach 12 Stunden „nein“ und nicht schon nach „10“? Ich habe inzwischen nach vielen Jahren herausgefunden, was für mich gut ist. Wie viele Wochenenden ich verplanen sollte und wie viele besser nicht. Ich brauche freie Zeit. Ich brauche Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern. Ich brauche freie Abende für mich, sonst werde ich unerträglich. Ich habe also an meiner inneren Programmierung gearbeitet und gesagt: „Ja ich kann auch 12 Stunden arbeiten, aber es ist nicht gut!“ Nein sagen muss ich eh, heute sage ich es halt etwas eher.

Ich finde es auch wichtig, zu akzeptieren, dass jeder Mensch verschiedene Ressourcen zur Verfügung hat und ein Kollege vielleicht 10 Stunden locker wuppen kann und kein Problem mit dem drölfzigsten Spätdienst hat, ich aber nach 7 Stunden schon Feierabend brauche und das auch völlig ok ist!!
Nun zu einem anderen Thema. Du gibst Workshops und Kurse zum Thema sexueller Missbrauch und Prävention in diesem Bereich und hast auch ein Buch dazu geschrieben. Wie sehr hat sich das Bewusstsein zu diesem Thema in der Gesellschaft in den letzten zehn Jahren geändert? 

Es ist Frauen wie Ursula Enders zu verdanken, dass das Thema in den neunziger Jahren so deutlich auf den Tisch kam, dass niemand, der mit Kindern arbeitet, mehr daran vorbei kam. Zunächst öffneten sich vor allem betroffene Frauen und erzählten von ihren Erfahrungen. In den nuller Jahren entwickelte sich dann ein Bewusstsein dafür, dass auch Jungen und Männer von der Thematik betroffen sind. In den Jahren nach 2010 gab es eine weitere Erkenntnis: Auch bisher moralische Instanzen wie die Kirchen oder reformpädagogisch geprägte Einrichtungen sind nicht sicherer als andere Einrichtungen. Das Bewusstsein in der Gesellschaft ist also immer weiter gewachsen.

Aber ich sehe die Gefahr der Übermüdung. Das Problem ist, dass Täterinnen und Täter nicht müde werden. Sie passen sich an. Sicherheit ist nichts, was einmal erreicht ist.

Sie muss sich immer wieder neu erarbeitet und erkämpft werden. Die Herausforderung an pädagogische Einrichtungen ist also nicht mehr – wie in den zweitausender Jahren – auf das Thema aufmerksam gemacht zu werden und Eltern, Mitarbeitende und Kinder zu sensibilisieren, sondern Schutzkonzepte zu überprüfen und anzupassen.

Was ist zu tun, falls eine Einrichtung sich noch gar nicht mit dem Thema auseinander gesetzt hat. Kannst Du einen kurzen Leitfaden skizzieren und Tipps geben?!

Ich werde oft gefragt: Was können wir tun? Oder wie sieht eine sichere Einrichtung aus? Ich glaube, wichtiger als das „wie“ und das „was“ ist die Klärung der Frage „Warum?“! Warum ist es wichtig, nicht nur kreative sondern auch sichere Orte für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Je überzeugender die „Warum“-Frage von einer Einrichtung beantwortet wird, desto eher werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Thema leben. Eine Einrichtung, in der es zu Vorfällen gekommen ist, hat eine hohe Motivation, sich den Fragen zu stellen. Aber wenn es nur heißt: „das Jugendamt hat sich gemeldet, wir müssen jetzt Führungszeugnisse einholen von unseren Leuten“ dann ist das zu wenig. Wenn also eine Einrichtung plant, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sollte die Leitung oder der Initiativkreis sich überlegen, was sie auf die Frage antworten: „Warum müssen wir uns damit beschäftigen!“

In deinem Buch geht es ja auch um diese Thematik in Kirchen und kirchlichen Einrichtungen. Orte, wo man sich in (trügerischer) Sicherheit zu wiegen meint…

Lange Zeit galten Kirchen als geschützte Orte und moralische Instanz. Im Schatten dieses Selbstbetruges konnten Täterinnen und Täter sich wunderbar entfalten. Ich bin überzeugt, dass es spezielle Faktoren gibt, aufgrund derer kirchliche Einrichtungen besonders gefährdet sind. Dazu gehören der problematische Umgang mit Sexualität, die Themen Gendergerechtigkeit, Gehorsam und Vergebung, sowie der manchmal sehr dichte und familiäre Umgang miteinander. In anderen Einrichtungen, wie Fussballvereinen oder Pfadigruppen gibt es andere spezielle Unsicherheitsfaktoren, aber das sind die von Kirche.

Über lange Zeit haben sich Kirchen nur darüber Gedanken gemacht, wie sie kreative, inspirierende, phantasievolle Orte für Kinder und Jugendliche sind. Die Frage, sind wir auch sicher, wurde vernachlässigt. Deswegen engagiere ich mich gerade in diesem Bereich. Auf meiner Webseite gibt es übrigens einen Selbsttest für Institutionen, die mit Kindern arbeiten. Da kann man gut schauen, ob die Sicherheit, in der man sich bewegt, trügerisch ist oder nicht.

Kannst Du Zahlen nennen, damit man eine Vorstellung bekommt, dass es wirklich nicht nur um Einzelfälle geht! 

Im Jahr 2015 wurden in Deutschland laut der polizeilichen Kriminalstatistik 13.733 Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder registriert. Das sind 38 Fälle pro Tag. In verschiedenen Studien und Befragungen in den 1990er Jahren erklärten zwischen 12,5 und 29,0 Prozent der befragten Frauen und zwischen 4,0 und 8,2 Prozent der befragten Männer, dass sie in ihrer Kindheit Opfer sexueller Übergriffe geworden waren. Das bedeutet, etwa jede vierte Frau und jeder zwölfte Mann hat als Kind Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht. Das sind keine Einzelfälle. In jeder Schulklasse, in jeder Konfirmandengruppe, in jedem Sportverein und in jedem Gottesdienst sitzen rein statistisch und auch in der Realität Betroffene!

Ich habe mehrere Kinder begleitet, die sexuell missbraucht wurden und kenne Erwachsene, denen das als Kind passiert ist. Diese Thematik erschüttert! Wie kann man sich Deiner Meinung nach gut abgrenzen? 

Zunächst würde ich gerne ermutigen, sich auf die Person einzulassen und nicht sich gleich abzugrenzen. Ich habe mal gehört, dass eine betroffene Person im Durchschnitt erst nach sechs Fehlversuchen auf eine Person trifft, die wirklich zuhört und nicht weghört. Das ist verheerend! Das erste Signal muss sein: Ich höre Dir zu! Im Verlauf eines Prozesses wird es wichtig auch über die eigenen Grenzen nachzudenken, denn bei sexueller Gewalt geht es um das Thema „Grenzen“. Betroffene haben Grenzverletzungen erlebt. Ihr Gefühl für Grenzen wurde missbraucht, nicht ernstgenommen, übergangen. Manchmal verletzen deshalb auch sie Grenzen.

Das finde ich einen sehr wichtigen Hinweis…! Meine Erfahrung ist auch, dass bei diesem Thema alle schnell kopflos werden, Schuldfragen hin und her geschoben werden und jeder seinen Kopf aus der Schlinge ziehen will. Was auch verständlich ist, weil diese Thematik einfach extrem herausfordernd ist. 

Als Ansprechpartnerin oder Ansprechpartner betroffener Person muss ich mir klar werden, welche Rolle ich habe. Ich bin weder Richter, Polizist noch Therapeut. Ich bin auch nicht Robin Hood. Ich werde mein Gegenüber nicht retten können. Aber ich kann Zuhörer, Zeuge, Ermutiger sein. Ich kann dokumentieren, offene Fragen stellen und Hilfsangebote recherchieren und vermitteln. Ich mache das am Anfang eines Gespräches in der Regel transparent. So kann ich im Verlauf eines Gespräches, wenn ich den Eindruck habe, jetzt fühle ich mich überfordert, mich einfacher abgrenzen. Wichtig ist auch das Verständnis für das Thema Zeit: Betroffene wurden häufig über Jahre missbraucht oder beschäftigen sich seit Jahren mit ihren Erfahrungen.

Ich muss mich von der Vorstellung lösen, dass es einen einfachen und schnellen Weg gibt. Aber den gibt es bei anderen Themen auch nicht!

Auch da kann ich nur zustimmen. Ich glaube,  das ist die wichtigste Erkenntnis. Zeit und Geduld. Das Kind gibt das Tempo vor, sonst niemand. Und das kann einen selbst verrückt machen, weil natürlich will man schützen, man will helfen, man will dass der Heilungsprozess voranschreitet, man will reden, zuhören, man will zur Rechenschaft ziehen… Aber wie Du sagst, es gibt keinen einfachen und schnellen Weg!
Lieber Christian, vielen Dank: erstens für das Gespräch und zweitens für deinen Einsatz zum Schutz von Kindern!! Ich finde es so wichtig, dass Du Dich dafür einsetzt!

Das Buch von Christian Rommert „Trügerische Sicherheit“ könnt ihr hier bekommen oder noch besser, bei dem Buchhändler bei euch um die Ecke bestellen.

Seine Homepage zum den Leitungsthemen  findet ihr hier

Einen Artikel von mir zum Thema Sexueller Missbrauch an Kindern findet ihr hier. Dort gibt es einen Erfahrungsbericht einer Leserin (Triggerwarnung), Fakten und Zahlen, Buchtipps, Adressen für Betroffene und Präventionsmaßnahmen.


Fotos in der Reihenfolge von: Erik Sandybeav, Wolfgang WedelDavid GrandmouginMitchell Hollander

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2 Comments

  • Reply Beatrice 11. September 2017 at 14:24

    Tolles Interview! Vielen Dank! Das Thema ist so wichtig.

  • Reply Evelyn funkhouser 20. September 2017 at 22:45

    Liebe anna, endlich bin ich dazu gekommen, deine Texte zu lesen, zu durchstreifen, zu beschnuppern und es war wundervoll! Es riecht fein! nach warmem Gebäck oder nach frischem Wind! Die Worte lassen mich gutes ahnen und kennenlernen! Danke! Ich hoffe, ich kann deine Arbeit auch mit den liebsten teilen. Und auch mit anderen!
    So wertvoll ist deine Arbeit! Finde ich!
    Big hug, Evelyn

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