Draußen sein

Der Natur auf der Spur (Teil 1)

9. September 2016

Es liegt ein toller Sommer hinter mir, den ich in vollen Zügen genossen habe.

Ich lebe in der Stadt und wann immer ich raus komme und in der Natur bin geht es mir gut!

So beschäftige ich mich immer wieder mit dem Kind in der Natur… Denn ich selbst bin als Kind sehr viel da draußen gewesen!!

Ich war grad einige Tage mit Großstadtkindern in einem kleinen Haus auf dem Land mit einem Garten und Wald vor der Haustür.

Unglaublich was da so passiert.

Sich anbahnende Konflikte verlaufen sich fast immer in der Vielfalt der Möglichkeiten draußen. Zum Beispiel will das eine Kind schaukeln, die Schaukel ist aber besetzt, nach etwas Gekrummele und Gequengele „ok, dann schubse ich eben an“ oder „oh da ist ein Schmetterling“ ich hüpfe hinter ihm her und „oh die Blumen sehen aber trocken aus“ die gieße ich jetzt mal und dann „oh ich mache eine große Pfütze und plansche in ihr herum und „oh meine Socken sind nass, ich laufe barfuß“ und „oh kitzelt das Gras an meinen Füßen“ und „oh da steht der Mirabellenbaum und ich pflücke mir ein paar“ und „oh wer kann am weitesten den Stein ausspucken?“ und „ah die Schaukel ist ja jetzt frei, dann schaukel ich jetzt erstmal eine Runde“ …

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Natürlich kann sich das auch drinnen abspielen, aber Räume sind nun mal begrenzt und eine Pfütze im Wohnzimmer oder Klassenzimmer findet kein Erwachsener so richtig cool!

Der Weg ist das Ziel.

Ein stundenlanger Spaziergang enthält so unfassbar viele Entdeckungsmöglichkeiten: wir stehen sehr lange bei einer großen Hühnerwiese und staunen über das Gegockel, wir sehen ewig den Kühen und Pferden beim Grasen zu. Die Geduld die die Kinder an den Tag legen, wünscht sich so manch einer bei Tätigkeiten drinnen.

Ich muss mich selbst zum Mitmachen dieser Langsamkeit ermahnen, denn irgendwann kommt ja doch das Gefühl von „komm wir gehen weiter“ auf. Nö, warum denn? Wir haben Zeit, wir gehen erst, wenn alles fertig geguckt ist 😉 ! Dann ruhen wir uns auf einem Moos-Baumstamm aus, „ist sooo weich“, wir klettern auf ungefähr jeden (!) Stein in diesem Wald und lassen uns dann ins Laub plumpsen und immer wieder staunt der kleine Mensch über diese riesigen Bäume, „bis zum Himmel“. Mit den Stöcken wird Schlagzeug gespielt und ich erlebe ein unfassbar zufriedenes Kind, dass staunt und staunt und staunt. Und sich dort draußen entwickelt. Diese Steine und Bäume laden zum ausprobieren ein, mancher Stein ist (noch) zu groß, Fallschutz?? Ja: Laub und Moos, manchmal auch ein spitzer Stein, aber dafür bin ich ja da.

Der Förderwahnsinn in unseren pädagogischen Einrichtungen ist groß und (wird gefühlt) immer mehr. Klar, Eltern wollen das Allerallerbeste für ihr Kind und es soll möglichst keine Minute verschwendet werden, denn die ersten Jahre sind die wichtigsten, das weiß ja wohl jeder.

Die einfache (und scheinbar doch gar nicht so einfach umzusetzende) Antwort lautet: RAUS!! Raus mit uns allen! „Dort draußen ist alles, was drinnen mühsam zusammen gestückelt werden muss – dort draußen ist Bewegung, da ist Sprache, da ist Sozialkompetenz, da ist Naturwissenschaft!“*

„Natur stellt für Kinder einen maßgeschneiderten Entwicklungsraum dar! Eine Erfahrungswelt, die genau auf die Bedürfnisse von Weltentdeckern zugeschnitten ist. In der Natur können Kinder wirksam sein und sich selbst organisieren.“ *

Natur Teil 1 Text

Warum gibt es diese scheinbar selbstverständliche Verbindung zwischen Natur und Kind? Wir kommen aus diesem Draußen. (99% der Menschheitsgeschichte lebte der Mensch in der Natur.*)

Wie sehr wir von diesen Menschen da draußen abstammen sehen wir vor allem im ursprünglichen Verhalten der Kinder: das nicht-allein-Schlafen wollen als Säugling (zu gefährlich), Gemüseverweigerung ab ca. dem 3. Lebensjahr (Kinder ernährten sich nun nicht mehr nur von Muttermilch und „Grünes“ konnte giftig sein, getragen werden wollen (sonst wäre man nicht mit der „Herde“ mitgekommen), viel Süßes essen wollen (lieferte schnell und viel Energie).

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Kinder sind heute auch gerne drin, ja. Aber das Leben draußen steckt noch in ihnen. Das sehen wir an ihrem Spiel: sich jagen und fangen, mit Stöcken spielen (!!!), bauen von Hütten und Höhlen (davon geht zum Glück vieles auch drinnen).

Elementare Erfahrungen

Sie sind fasziniert von den ursprünglichen Elementen.

Feuer: Nichts fasziniert Kinder so sehr wie Feuer! Auch wir haben die Tage ein Lagerfeuer gemacht, es wurden Äste und kleine Stöcke gesammelt, mit Opa zusammen das Feuer entzündet und später das Essen darauf gegrillt. Auf Freizeiten sind die Lagerfeuer-Abende (und Nächte) die absoluten Highlights für die Kinder. Und ja, ich kenne das Gefühl leichter Unentspanntheit, weil die hibbeligen Jungs der Gruppe gefährlich nah (mit ihrer Fleecejacke) ans Feuer rangehen… Deswegen kein Lagerfeuer? Nein. Aber es muss klare Regeln geben, zum Schutz aller und ich habe die Kinder auch immer so erlebt, dass diese Regeln nicht infrage gestellt werden, denn es geht „ums Überleben“, das macht einfach Sinn.

Erde: Das Wühlen in Sand, Matsch, Wasser liebt jedes kleine Kind. Es wird dabei grobe Kraft, Feinmotorik und die Einbindung aller Sinne geübt. Es wird hier schon ein naturwissenschaftliches und physikalisches Verständnis intuitiv trainiert. Forscher in England haben herausgefunden, dass Kinder heute im Vergleich zu Kindern in 1970 beim Verständnis von Konzepten wie Volumen und Dichte 2-3 Jahre hinterherhinken. Erklärt durch die Tatsache, dass Kinder heute viel weniger draußen spielen.**

Meine Erfahrung ist auch, dass Kinder das nachholen wollen. Ich habe 10 – 12 Jährige in meiner Gruppe, die sich beim Pizzabacken aufführen wie dreijährige. Sie spielen stundenlang mit dem Teig und schmieren sich Mehl ins Gesicht. Sie manschen sich komische Kreide-Wasser-Mischungen zusammen und färben sich damit die Haare und freuen sich über kleine mini-Pfützen die dabei auf dem Tisch entstehen. Wenn einmal im Jahr bei über 35° Grad der Wasserlauf auf dem Hof angestellt wird, flippen alle Kinder so aus, als ob sie noch        N-I-E  I-N  I-H-R-E-M  L-E-B-E-N Wasser gesehen hätten. Da durfte nicht genug gematscht werden in der frühen Kindheit, das wird (zum Glück) nachgeholt.

Ich durfte als Kind und habe unseren Kompost regelmäßig durchforstet (yummy), der Geruch von einem Gemisch aus Eierschalen, Kaffeesatz (der dann nochmal mit Regenwasser aufgebrüht wurde) und Mutter Erde erinnert mich heute noch an meine Kindheit im Garten!!

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Einfach da liegen, in den Himmel schauen…

Ganz ehrlich, ich mache das viel zu selten… Mit den Kindern lag ich dort, unter uns, von der Sonne aufgewärmte Steine und über uns nichts als Himmel!! Und häufig ploppen dann so nach und nach Fragen auf, die die Kinder beschäftigen und die im Gewusel des Alltags untergehen.

Auf dem Land ist der Himmel weit und groß, aber das Gute ist: Himmel gibt es überall, auch in der Stadt, oft ist der Ausschnitt kleiner, aber er ist da. Also: lasst uns öfter in den Himmel schauen! (Kann man auch ohne Kind machen 🙂 ).

Dieses Thema ist so vielfältig, dass ich einige Teile dazu machen werde. Der nächste Teil wird sein „die gefährlichen Gefahren des Draußen“ … oder so ähnlich. Denn das ist ein rieeeeeesengroßes Thema bei uns Pädagogen. Wie können wir es  schaffen, TROTZ unserer Aufsichtspflicht und WEGEN unseres Bildungsauftrages mit Kindern raus zu gehen und ganz Vieles zu erlauben. Außerdem wird es um die Freiheit, die das Draußen den Kindern bietet, gehen. Und dann noch darum, wie die Natur es schafft besser als jedes Präventiv-Vitaminpräbarat unser Immunsystem aufzubauen und um die Frage, ob draußen immer nur Natur bedeutet.

Das Buch „Wie Kinder heute wachsen“ von Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther ist ein kleiner Schatz zu diesen Themen. Ich habe diese Artikel basierend darauf geschrieben und kann es nur jedem wärmstens empfehlen!!

* „Wie Kinder heute wachsen“  S. 104, S. 35, S. 36, ** ebd. S. 41, nach Tests von H. Ginsburg und M. Shayer (kurze Erklärung dazu dazu hier).

2 Comments

  • Reply Simone 11. September 2016 at 19:05

    So schön!
    Konnte mir genau vorstellen, wo ihr gerade wart!
    Joel hat das alles im Waldkindergarten auch erlebt!

  • Reply Katja (KT) 17. Oktober 2016 at 10:23

    Da möchte man direkt auch nochmal SO Kind sein dürfen…und irgendwie werden wir das auch, sobald wir uns auf die Zeitlosigkeit und die Neugier von Kindern einlassen, so wie du es beschrieben hast liebe Anna. Das innere Kind darf in gewisser Weise mitspielen und sich mal Platz machen, während im Alltag sonst der strenge Erwachsene in einem oft das Sagen hat. Wir werden bereit uns zu öffnen, Beziehung zu spüren und wachsen zu lassen. Kinder spüren das und gehen dann auch mit uns anders in Kontakt. Die Liebe zu uns selbst offenbart auch die Liebe zu unserem Gegenüber. Daher finde ich es großartig was du schreibst, WIE wichtig elementare Erfahrungen sind und das auch wir als Erwachsene uns manchmal ein Stück davon zurück holen können in Form von Faszination für das Neue – die Welt mal anders, entschleunigter wahrzunehmen. Ich glaube dann lassen wir uns ein – auf das Kind UND auf uns selbst.

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