Im Gespräch mit...

Sternstunde mit Bertrand Stern

1. Juni 2018

Heute habe ich mich auf einen Kaffee mit Bertrand Stern verabredet. Bertrand Stern lebt in Siegburg, ist Autor, Sohn von Arno Stern und ist gerade mit seinem Team dabei, einen Film fertig zu stellen. 

Kinderwärts: Was muss man noch über dich wissen, wie würdest du dich selbst beschreiben? 

Bertrand Stern: Ich bin freischaffender Philosoph, setze mich mit vielen zivilisatorischen Überzeugungen und Erscheinungen auseinander. Ich bin dabei sehr kritisch. Ich würde sagen, radikal kritisch. Ein Schwerpunkt ist für mich eines der Tabuthemen dieser Zivilisation, nämlich der Ausbruch aus der Beschulungsideologie.

Wobei es bei der Beschulung ja um weit mehr als die Schule geht. Die Schule ist nur die Spitze des Eisberges. Sie ist nur ein Symptom. Es gilt sich mit dem auseinander zu setzen, was dahintersteckt. In den letzten Jahren habe ich einen Wandel erlebt. Die Menschen sind viel offener für meine Position. Früher wurde sinnbildlich auf mich eingedroschen, wenn ich meine Gedanken mitteilte. Heute sind die Menschen interessiert, neugierig und möchten wirklich wissen, was es bedeutet, aus der Beschulungsideologie auszubrechen.

K: War dieses Schulthema, schon immer dein Thema?

BS: Ich habe aus biografischen Gründen schon immer eine gewisse Skepsis gehabt. Die Schule ist mir nie gut bekommen, aber das war nicht der Anstoß für meine philosophische Tätigkeit. Ich habe in meiner Jugend 13 verschiedene Schulen besucht und habe danach einige Zeit gebraucht, um dies zu verdauen und mich davon zu erholen, um aus meiner Schulkritik keine persönliche Rache zu gestalten.

K: Was waren die Dinge, die dich schon während der Schulzeit gestört haben?

BS: Das Unterordnen, der Stundenplan, die Fremdbestimmung, die Klasse, der Wettbewerb, die uninteressanten Themen bzw. die Themen, mit denen ich nichts anfangen konnte, die Benotung. Es war für mich alles irgendwie schief.

Im Gymnasium hatte ich Spanisch als Fremdsprache, ich konnte zu diesem Zeitpunkt schon spanisch sprechen, weil ich schon in Spanien gewesen war. Die erste Bemerkung des Lehrers war dazu: „Wir sind hier nicht im Urlaub, hier wird streng nach Plan spanisch gelernt!“ Damit war ich dann schon bedient. Zum Glück habe ich Spanisch dennoch wieder für mich entdecken können und konnte es dann fließend sprechen.

Es war klar und deutlich, dass ich mich unwohl fühlte und meine Eltern waren überfordert mit dieser Situation, mit diesem Jungen, der sich so widerborstig verhielt, gewalttätig gegen sich und gegen andere. Es war für sie offensichtlich, dass es so nicht weitergehen könne. Aber es war eben nicht offensichtlich, wo der Ausweg sein könnte. Nun hatte ich das Glück, dass ich neben der Schule das Malspiel erleben durfte und diese Erfahrung war eine Art Rückgrat, eine Rückversicherung. Da gab es diesen Ort, an dem ich ich selbst sein durfte. Das hat mich gerettet. Sonst wäre ich untergegangen in diesem Ozean an schulischen Forderungen.

K: Hättest du dir gewünscht, dass deine Eltern dich aus der Schule genommen hätten? Deine beiden Halbgeschwister sind ja nicht zur Schule gegangen und dein Vater Arno Stern wird vielfach dazu befragt.  

BS: Meine Halbgeschwister sind nicht zufällig nicht zur Schule geschickt worden. Die schlechten Erfahrungen, die mein Vater durch mich mit der Schule gemacht hat, haben ihn dazu bewogen, da etwas radikaler und konsequenter zu sein. Ich glaube meine Eltern haben es sich nicht vorstellen können und sie haben vieles in der Schule abgelehnt, aber nicht in letzter Konsequenz. Mein Vater, der ja auch selbst zur Schule gegangen war, wusste und sah die Schädlichkeit, aber er war überfordert mit der Antwort auf die Frage: was tun?

K: So geht es ja heute auch ganz vielen Eltern…

BS: Ja, nur ist die Lage heute, fünf Jahrzehnte später, anders. Es gibt nun mehr Menschen, die sich der Schule verweigern und es gibt mehr Kenntnis darüber, was geschieht in einem Leben ohne Schule. Und es gibt durch den Widerstand gegenüber den staatlichen Behörden bessere Möglichkeiten der Abwehr. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann dieses brüchige System Schule zusammenbricht. Es ist schon fast passé.

K: Dein Gefühl ist, dass uns das Schulende kurz bevorsteht?

BS: Ja! Ich weiß nicht, wo der Windstoß herkommen wird. An dieser Institution gibt es nichts mehr, was gesund ist. Zwar bemühen sich einzelne Menschen, Dinge innerhalb des Systems anders zu machen doch sie werden von oben nur gemaßregelt.

Und es ist ein Fakt, dass der Beruf des Lehrers der mit den Meisten Burn-outs-Symptomen und Frühpensionierungen ist.

Im Moment wundere ich mich noch darüber, dass sich nicht gerade jene zur Wehr setzen, die es unmittelbar trifft und betrifft. Wenn ich also zu einem Vortrag in eine Schule eingeladen bin und vor 16-Jährigen sitze, werde ich oftmals zu deren größtem Feind, weil es für sie nach 10 – 11 Schuljahren oft undenkbar ist, nun die Schule zu kritisieren: Sie haben sich so sehr mit der Schule abgefunden, dass es fast ein Verrat an ihre bisherige Laufbahn und Biografie wäre zu erkennen, wie schädlich und gewalttätig die Schule ist.

K: Was ist Bildung für dich?

BS: Ich bin sehr pingelig im Gebrauch der Begrifflichkeiten, das ist die Voraussetzung für die Klarheit meine Position. Ich unterscheide drei Aspekte voneinander: Bildung ist eine Sache. Es ist ein Ding und dementsprechend käuflich und was käuflich ist, kann verknappt werden. Eine Sache, die also erworben werden soll.

Das unterscheide ich von einem natürlichen Prozess, den ich mit dem Begriff bilden beschreibe. Das ist ein Prozess und dieser Prozess kann nur durch eine Rückbezüglichkeit erfolgen, also im Sich-bilden. Das heißt, ich werde nicht gebildet, sondern es ist etwas, das von mir ausgeht. Natürlich ist die Antwort auf dieses innere Bedürfnis nicht in mir, sondern im Außen. Ich stelle eine Frage und erhalte eine Antwort. Wenn es ein guter Prozess ist, erfolgt dieses Sich-bilden mit der Vorsilbe frei. Ich bin frei im Prozess des Sich-Bildens.

Das Dritte, was ich gerne hervorheben möchte, ist die Qualität dieser Aneignung. Dabei geht es um den Begriff Lernen. Ich verwende diesen Begriff nur im schulischen Kontext. Lernen ist für mich eine Einspeicherung von Wissen, um im Schüler-Jargon zu sprechen: ein Reinwürgen. Dieses Lernen ist gebunden an einen Plan, an eine Absicht, an ein Verfahren, an eine Methode, an Noten, an Prüfungen. Dazu gehört das Üben. Doch im Leben üben wir nicht. Wir haben den aufrechten Gang nicht geübt, wir haben die Sprache nicht geübt, wir haben sie praktiziert. Wir haben es einfach gemacht. Die Würdigung des Menschen ist unvereinbar mit dem des Übens.

An das Lernen ist auch das Korrigieren gebunden, in der Schule am besten mit roter Tinte, so auch die Benotung und die Prüfungen. Und das Allerschlimmste in Bezug auf das Lernen ist der Prozess, den ich als die Selbstreinigung des Gedächtnisses beschreibe, nämlich das Vergessen.

Wir wissen, dass die meisten Menschen das, was sie im schulischen Kontext für eine Prüfung gelernt haben, nach sehr kurzer Zeit wieder vergessen haben. Es ist eine Reinigung des Organismus.

Also Lernen ist gebunden an die Bedingungen der Schule. Der Gedanke von Bildung ist für mich also eigentlich völlig abstrus, weil er dem, was ein Mensch an angeborener Kompetenz mit sich bringt, um sich dem Leben zu öffnen, fremd ist. Er verstopft den Menschen, da wo wir im Gegenteil ihn in seiner spontanen Fähigkeit, sich zu öffnen, geradezu unterstützen und begleiten könnten.

K: Du arbeitest mit einem Team gerade an den letzten Schliffen eines Filmes, der genau diese Gedanken aufgreift.

BS: Ja, CaRabA ist ein Spielfilm und kein Dokumentarfilm. Die Idee war, dass dieser Film auf keinen Fall besserwisserisch daher kommen sollte, um irgendjemandem von irgendetwas Besserem zu überzeugen. Er möchte die Vision einer Welt jenseits der Schulevor- und darstellen.

Die noch gebrauchten ungefähr 25 000 €, um den Film nun ganz fertigstellen zu können, möchten wir nun durch Crowdfunding zusammen bekommen. Wir wünschen uns damit Menschen zu erreichen, die unsere Vision teilen und sozusagen als Gemeinschaft dieses Projekt unterstützen. Wichtig ist uns, dass er keinen missionarischen Auftrag hat, sondern er etwas darstellt, was jenseits des heutigen Zustandes ist.

K: Gibst du uns einen kleinen Einblick in die Handlung des Filmes?

BS: Es sind fünf Personen, die ihr Leben verwirklichen, jenseits einer nicht mehr bestehenden Schule.

Sie folgen einfach ihren Interessen: Die zielstrebige Saskia forscht an einem Schlafmittel und kämpft um dessen Anerkennung. Nuri will ein Taxi Start-Up gründen. Lovis spielt Tischtennis im Park, arbeitet an der Zeit und verliebt sich in Soljanka. Max malt Waschmaschinen beim Schleudern und entdeckt Gott in Dürer (oder umgekehrt), während bei Janne das Schicksal zur Feldforschung über ihre Familie führt. CaRabA erzählt vom Vertrauen – in sich selbst und die Menschen um einen herum.

K: Unsere Gesellschaft hat ja eine unglaubliche Angst davor, wenn man erzählt, dass junge Menschen nicht beschult werden. Angst davor, dass man nicht mehr schreiben, lesen und rechnen kann. Angst davor, keine Chancen im Beruf zu bekommen. Die Statistiken sprechen dagegen. Was denkst du, woher diese Angst kommt?

BS: Ich gehe dafür kurz in die Geschichte. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gab es hier in Europa eine kirchliche Macht, die nach den bürgerlichen Revolutionen verweltlicht wurde; nach und nach entstand eine neue, die schulische Macht.

Die Schule hatte die Funktion Menschen zu zivilisieren – und zwar im staatlichen, weltlichen Auftrag. Es ging nicht mehr um das jenseitige Paradies, sondern um den diesseitigen Erfolg. Nach dem Motto: „Die Kinder sind erst einmal die Kinder des Staates.“ Seit der preußischen Schule als einer im 19. Jh. verankerten Zwangsveranstaltung werden die Menschen schon in den ersten Lebensjahren mit dieser Institution konfrontiert, die sich in ihrem Leben verankert wie ein Stachel in ihrem Fleisch. Für die meisten Menschen ist es undenkbar, wie sie diesen Stachel wieder loswerden könnten. Sie wissen, dass es schmerzt, sie wissen, dass es nicht gut ist, sie sehen es an ihren Töchtern und Söhne und sie merken es auch in ihrem Geldbeutel, indem sie allerlei Maßnahmen unternehmen müssen.

K: Ja, unglaublich welche Summen, die Nachhilfe beispielsweise verschlingt. 

BS: Dann die Kinderpsychiatrie, die Pharmaindustrie, Schulbuchverlage, … Es ist enorm, was das für einen Rattenschwanz hinter sich herzieht. Allein die Ausgaben der öffentlichen Hand für die Beschulung lagen in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2017 bei 130 Milliarden Euro… In diesen unfassbaren Summen sind Ausgaben für Nachhilfe, Privatschulen, Psychiatrie, Medikamente etc. nicht eingerechnet. Doch da die Mehrzahl der Menschen durch diese Schule gegangen sind, können sie sich anderes schlicht und einfach nicht vorstellen.

Aber es gibt auch eine steigende Zahl an Menschen, die es sich vorstellen können und die Widerstand leisten und die sind die wesentlichen. Also nicht die sinkende abgestumpfte Masse, die sowieso als Masse immer nur autoritären Ideologien anhängt, sondern die Einzelnen, die nein sagen. Da bedarf es nicht vieler, sondern welcher, die ganz bewusst und zielstrebig bei ihrem Nein bleiben: kein Nein nur zur Schule, sondern ein klares Nein zu dieser Sackgasse. Sie haben ein unerschütterliches Vertrauen in den jungen Menschen, in seine Potentiale.

Ich wünsche mir, dass dieser Film viele Menschen berührt, ohne sich abgrenzen zu müssen von etwas, was ihnen wehtut. Vielleicht werden sie etwas wahrnehmen, was sie nicht bewusst ablehnen.

K: Es dauert ja noch etwas, aber wo kann man den Film dann sehen?

BS: Um sicher zu stellen, dass der Film in der Nähe gezeigt wird, ist es am besten selbst aktiv zu werden. Jeder kann einfach in ein Programm-Kino gehen und sagen, ich habe von diesem Film gehört und würde ihn gerne hier sehen. Weitere Infos findet man dann auf der Homepage www.caraba.de

K: Dann möchten wir ausdrücklich nochmal an dieser Stelle auf das Crowdfunding hinweisen. Jeder, der dieses tolle Projekt unterstützen möchte, kann dort etwas geben: Auch der kleinste Beitrag hilft – mit und ohne tolle Dankeschöns.

BS: Darüber würden wir uns sehr freuen, auch indem deine Leser*innen einfach Anderen von dem Film erzählen.

Und allen, die mit der Nicht-Beschulungs-Thematik unterwegs sind, lege ich noch die Werkstattgespräche ans Herz, in denen wir mit Menschen zusammenkommen, die sich die Frage stellen, wie gehen wir jetzt strategisch vor. Das läuft ganz praktisch ab, wir besprechen die Möglichkeiten, wie ist das realisierbar, rechtlich, alles, was dazu gehört; wir versuchen, auf viele der aufkommenden Fragen einzugehen. Dafür kann man uns einfach anfragen und wir kommen dann dort hin, organisiert wird es also von den Interessierten.

K: Lieber Bertrand, vielen Dank! Es hat mir große Freude gemacht, von deinen Gedanken zu hören! Man spürt, dass du ganz „grollfrei“ dieses Thema, nun schon seit Jahrzehnten, lebst und verbreitest. Ich wünsche euch einen sagenhaften Erfolg für den Film!! Und hoffe, jeder der dieses Gespräch liest, wird die Fertigstellung des Films unterstützen und dann, wenn er herauskommt, ihn anschauen. 

Hier findest du Betrand Sterns Homepage. Hier das Crowdfunding. Hier einige seiner Bücher:

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