Beziehung, Bli Bla Blog

Strafen, Insta-Stories und Elternschule

19. Oktober 2018

Oh man.

Als ich am Montag die Fragefunktion bei Instagram zum ersten Mal ausprobiert habe, hatte ich nicht geplant, eine kleine Debatte auszulösen. Eine kleine Welle schwappte da an, die sicherlich auch in den Ozean der riesigen kritischen Diskussion rund um den Film Elternschule mit hinein fliesst.

Eine Mama beschrieb die folgende Situation: „Bei meiner Tochter im Kindergarten wird mit Strafen gearbeitet. Wenn sich ein Kind z. B. nicht an Regeln hält, wird es alleine gesetzt. Und heute kam sie mit einem Bild nach Hause und die Erzieherin hat gesagt, sie soll beim nächsten Mal nicht nur „krickelkrackel“ malen. Meine Tochter ist fünf Jahre alt, und an sich ist der Kindergarten schön und herzlich. Wie würdest du mit so etwas umgehen?“

Meine Gedanken dazu: Ich würde auf Augenhöhe und mit ehrlicher Wertschätzung gegenüber der Erzieherin das Gespräch suchen und wirklich versuchen, in den Dialog zu gehen. Meine Erfahrung ist, dass man in einen guten Austausch kommen kann. Vor allem dann, wenn die Kollegin sich gesehen und wertgeschätzt fühlt, kann sie hoffentlich das Gesagte ganz anders annehmen. Ich würde mich zu dem Thema aber auch ganz klar positionieren und berichten, wie ich mit den Kindern anstatt dessen agiere. Dabei geht es nicht um die Einzelsituation mit diesem Kind, sondern um eine grundsätzliche Haltung. Ich würde viele Fragen stellen, und hören, was sie zu sagen hat.

Ich finde es immer hilfreich, ein paar Punkte parat zu haben, um nicht nur emotional zu reagieren.

Warum ich nicht mit Strafen und Konsequenzen arbeite:
  • wir demonstrieren Macht
  • das Kind wird gedemütigt
  • der Stärkere bestimmt
  • es geschieht keine konstruktive Auseinandersetzung – meist bleibt der Konflikt ungelöst
  • es findet kein Dialog statt
  • die Grenze des Kindes wird nicht gewahrt
  • so eine Strafe zeigt immer nur kurzfristig „Erfolg“
  • wenn überhaupt, handelt das Kind das nächste Mal aus Angst vor einer erneuten Strafe, und nicht, weil es versteht, um was es geht

Außerdem:
  • Hat man erforscht, dass ein Ausschluss aus der Gruppe die gleichen Areale im Gehirn betrifft, wie wenn man körperliche Schmerzen erfährt.
Botschaft an das Kind:
  • ich bin nicht erwünscht
  • meine Gefühle sind nicht wichtig und richtig
  • meine Bedürfnisse werden ignoriert
  • ich bin selbst schuld
  • ich bin es nicht wert
  • es gibt einen Stärkeren
Wie sonst?
  • Dialog mit dem Kind
  • liebevoll und klar (!!) positionieren, was und warum (!) uns dies oder das wichtig während des Essens ist
  • am Tisch darf es Regeln geben, aber wir sind keine Polizisten!
  • das bedeutet oft eine Wiederholung von uns -> Klarheit.
  • wichtig ist zu wissen, warum ich das nicht möchte (kein: „Das macht man nicht…“)
  • wir brauchen Geduld

Nach diesen Worten hatte ich ziemlich viel Post in meinem kleinen Instagram Postfach:

„In unserer Kita ist das absoluter Alltag. Kinder werden mit alleine am Tisch-sitzen bestraft und sogar straff am Arm gepackt. Ich bin im permanenten Konflikt mit der Kitaleitung, die von den „neumodischen“ Erziehungsmethoden gar nichts hält und mich gern als Dummchen dastehen lässt.“

„Das würde ich am Liebsten in meine Kita hängen. ZIEH DICH JETZT ENDLICH AN, SONST KRIEGST DU NICHTS ZU ESSEN. NIX DA, NEIN, DAS BESTIMM ICH. Da schüttelt es mich richtig, wenn ich meine Kinder abhole und so etwas hören muss.“

„Es gibt leider Schulen, wo es noch schlimmer zugeht. Wir sind mit der Regelschule im Dauerstreit, mit Lehrern und der Rektorin. Wie kann man bitte einem Kind mit Dyskalkulie sagen, dass es doof ist? Es macht mich extrem traurig und sauer, dass Kinder sowas ertragen müssen!“

„…Ich denke, man muss das Thema etwas differenzierter sehen. Nicht jedes Kind kann mit Freiheit umgehen. Nicht jedes Kind kann man in einen Entscheidungsprozess einbeziehen. Es ist eine Gemeinschaft von Menschen, und da braucht es Regeln und Schutz. Außerdem kennen die Erzieherinnen (sollten) die Kinder sehr gut und ihre Themen. Wenn ein Kind ständig beißt oder ähnliches, muss man es auch mal hochnehmen und zur Seite setzen. Da hilft erstmal kein Reden. Und wenn ein Kind ständig stört, dann wird mit ihm abgesprochen, dass es nicht mitmachen muss, und es kann aus dem Raum gehen und warten. Nicht immer steckt eine Strafe dahinter, sondern auch Verantwortung und Individualität. …“

„…Ich arbeite als Erzieherin in einer Krippe und kenne solche Situationen zur Genüge, leider ist es oft noch toleriert oder sogar gewünscht. Echt traurig. …“

„Danke für die Argumente. Hab gerade in eine Kita gewechselt, in denen meine Kollegen aus lauter Überforderung  solche Maßnahmen ergreifen, und manche auch leider aus lauter Überzeugung.“

„… In meiner Umgebung sehe ich nahezu ausschliesslich Eltern, die ihr Kind erziehen, strafen, Macht ausüben…“

Viele, viele weitere Nachrichten erreichten mich, auf die ich nicht alle antworten kann. Entschuldigt das an dieser Stelle. Auch gute Nachrichten von Kolleg*innen und Eltern, die es anders erleben und anders machen wollen!

Dann erreichte mich auch dieser Kommentar:

„Jeder soll sein Kind erziehen, wie er möchte, selbstverständlich gewaltfrei. Folgende Situation, echt passiert. Mein Sohn hat mich angespuckt und das mehrmals, dann noch auf den Boden. Auch nach mehrmaligem Ermahnen und Stellung beziehen, dass ich das eklig finde und das nicht möchte, und dass er das sicher auch nicht möchte. Was soll man da machen? Soll ich ihn machen lassen??? In der Schule wird so ein Verhalten auch Konsequenzen haben, und das zieht sich durch das ganze Leben. Manche Dinge gehen nicht, und wenn man etwas macht, dann hat es auch Konsequenzen. Ich kann auch nicht falsch parken und hoffen, dass ich mit dem Mann vom Ordnungsamt konstruktiv diskutieren kann.“

Da ich gestern genau dieselbe Situation erlebt habe, und im Zuge der ganzen Erziehungs- und Methodendebatte durch den Elternfilm, kommt hier meine persönliche Antwort darauf.

Ja, was soll man da machen?

Gäbe es eine Pauschalantwort mit Patentrezept, wäre ich vermutlich Bestseller-Autorin oder Päpstin oder beides…

Ich versuche nur ein paar Gedanken hier aufzuschreiben. Sie werden nicht vollständig sein, denn das hier ist Instagram/mein Blog/das Internet und nicht das Leben und auch kein Ersatz für ein echtes Gespräch oder eine Beratung!

Dein Kind ist kein Auto, du bist keine Politesse.

Ich wurde gestern auch von einem Kind angespuckt. Es war Abend, wir waren alle müde und fertig von einem sehr vollen Tag! Was mache ich da? Ich positioniere mich, ich möchte nicht angespuckt werden.

Grenzen (die wir persönlich haben, keine Pauschalgrenzen) sind keine Verkehrsregeln. Wir sind in Beziehung miteinander, können miteinander verhandeln, reden, auch schreien, wütend sein… Das gehört alles dazu. Bei einer Verkehrsregel geht das nicht, Gesetz ist Gesetz.

Aber im Zusammenleben gibt es (hoffentlich) keine Gesetze. Sondern Gefühle, Bedürfnisse, Rituale und ja, auch Grenzen. Kinder haben welche, wir auch!

Wie gesagt: Ich will nicht angespuckt werden. Bei mir und bei dir hat es scheinbar nicht gereicht, dies deutlich, liebevoll und klar zum Ausdruck zu bringen. (Wobei die Info trotzdem beim Kind ankam, das habe ich gemerkt.) Aber es war „total drüber“ und auch in diesem Moment überfordert, darauf zu reagieren. Und alberte weiter rum..

Ich bin in dem Fall kurz aus der Situation rausgegangen.

Warum spuckt das Kind?

Es ist müde, überfordert, weiß selbst nicht, was es will und braucht. Das Bedürfnis war eigentlich: Zuwendung, Ruhe und Schlaf.

Hinter jedem Verhalten gibt es eine Ursache. Die manchmal auf der Hand liegt, manchmal nicht. Und diese zu erspüren, ist nicht immer einfach. Vor allem, wenn wir selbst gerade auf 180 sind. An der Stelle setzt aber unsere Verantwortung ein. Wir sind verantwortlich für die Klärung, wir sind erwachsen.

Bei uns hat sich das gestern „schnell“ geklärt. Eigentlich brauchten wir Zeit, eine Gute-Nacht-Geschichte und kuscheln. Das ist auch nicht immer einfach, ich weiß, da sind oft Geschwisterkinder. Bei mir gestern auch, gleich zwei, mit wiederum anderen Bedürfnissen…!

Puh. Ja.

Aber weißt du, wann immer ich diesen Weg gehe…

Und dabei sehe, wie die Kinder versuchen, zu kooperieren. Wie sie aber mit ihrem Frust, ihrer Müdigkeit, innerer Verzweiflung über diese ganzen Gefühle, mit ihrer Wut, Spucke und Co kämpfen, mit mir und mit sich selbst.

Und wir dann aber am Ende alle glücklich einschlafen und sie vorher noch ein Lied und Rücken kraulen einfordern…

… Dann könnte ich immer weinen.  Auch wenn ich vorher am Liebsten (aus alten Mustern heraus) ausrasten könnte, anders handeln möchte, konsequent, radikal usw. Auch verzweifelt bin. Mich frage, was ich nochmal hier auf Kinderwärts geschrieben habe…?

Aber wenn sie dann schlafen, sehe ich, wie klein und zerbrechlich sie sind und gleichzeitig so unglaublich stark. Es fühlt sich dann „so gut und richtig“ an.

In diesen Momenten – fühle ich Frieden.

Unseren Frieden. Ihren und meinen.

Und dann weiß ich immer, dass es sich lohnt, und dass es ein guter Weg ist!

 


Zwei Dinge möchte ich an dieser Stelle noch sagen:

Zu dem Film und Thema „Elternschule“ finde ich persönlich den Beitrag von Herbert Renz-Polster hilfreich und teile seine Meinung! Es ist so gut, dass so laut gerade dagegen protestiert wird!! 

Ihr als Eltern und auch als Fachperson habt immer Anspruch auf Beratung. Entweder direkt in eurer Kita, bei dem Träger oder dem örtlichen Jugendamt. Dort sitzen kompetente Personen, die euch beraten oder wiederum weiterleiten können. Wir müssen nicht hilflos zusehen. Vor allem da, wo ihr richtige Bauchschmerzen bekommt und es nach einer Kindeswohlgefährung aussieht, sucht das Gespräch zur Leitung ggf. Träger oder eben anderen Beratungsstellen und gebt euch nicht mit dem Zustand zufrieden!! Und auch in all den kleinen Alltagssituationen: fragt, hakt nach, teilt eure Meinung und eure Erfahrungen und seid mutig!


 

 

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