Beziehung, Werte, Wut

Was tun, wenn Kinder Krieg spielen

8. März 2018

Ich sitze in der Teambesprechung am Tisch und alle Augen sind auf mich gerichtet. Eigentlich habe ich das Gefühl, ich sitze auf der Anklagebank. 

Eine Kollegin erhebt das Wort: „In letzter Zeit rennen die Jungs hier durch die Gänge und haben aus Lego gebaute Waffen dabei und spielen Krieg.“ Eine andere Kollegin meldet sich nun auch zu Wort: „Das wollen wir hier jawohl nicht. Wir sind eine friedliche Schule und ich verbiete das meinen Kindern in der Gruppe.“

„Die Kinder, die mit den Waffen herumrennen, diese Kinder sind aus Annas Gruppe!“ 

Stille.

Alle Augen richten sich nun erwartungsvoll auf mich.

Schluck. Vorher noch etwas müde der Besprechung folgend, bin ich nun sehr wach. Ich habe es geahnt, seit Wochen gibt es diese Andeutungen und ich habe versucht, mich ausgiebig mit diesem Thema zu beschäftigen. Nur will keiner hören, was ich mir dazu angelesen habe. 

Aus Spaß durch die Gegend ballern?

Es erschüttert uns, wenn Kinder mit Waffen spielen. Wir leben doch in einem friedlichen Land. Wieso sollen oder wollen sie freiwillig mit Waffen spielen? 

In den meisten Einrichtungen wird das komplett unterbunden. Spielzeugwaffen sind nicht erlaubt und alles was damit zu tun hat, sollen die Kinder zu Hause lassen. Ich verstehe diesen Impuls auch, aber wie man sieht, helfen sich die Kinder nun anders und bauen sich Waffen aus Lego oder tun so, als ob ein Filzstift eine Pistole ist. 

Ich bin keine Fachfrau zu diesem Thema, ich habe mir lediglich ein paar Dinge dazu durchgelesen und versuche gerade mit den Kindern gemeinsam einen Weg zu finden. Bisher hat mir keiner zugehört, aber jetzt sind alle Augen und Ohren auf mich gerichtet. Ich setze mit einem erneuten Versuch an zu erklären, warum ich den Kindern erlaube, mit Waffen zu spielen: 

Warum spielen Kinder Krieg?

„Spielzeugwaffen faszinieren, weil sie in der Imagination die eigenen Fähigkeiten potenzieren“, erklärt Günther Gugel (Geschäftsführer des Instituts für Friedensforschung in Tübingen). Gerade für Kinder, die sich oft ohnmächtig und den Erwachsenen unterlegen fühlen, ist das attraktiv. Es geht also um das Erleben des Gefühls von Macht und Stärke. Im Spiel kann man stark und unverwundbar sein.*

Kinder können dabei sehr wohl zwischen Spiel und Realität unterscheiden. Bei ihren Schießereien geht es nicht darum, den Spielgefährten zu verletzen oder zu töten, sondern um das Erleben von Macht und Stärke. Ich frage mich natürlich auch, warum müssen Kinder das Gefühl von Macht über jemanden erleben?

Kinder Krieg spielenIch versuche ja in meiner Haltung und Beziehung genau dies nicht zu vermitteln… Aber sind wir mal ehrlich, erleben Kinder diese machtvollen Beziehungen ja doch den ganzen Tag: in der Schule, in der Öffentlichkeit, im Fußballverein, häufig im Kontakt zu den Eltern und somit auch untereinander. 

Macht Krieg spielen aggressiv? 

Oder hilft es sogar, Aggressionen zu verarbeiten? Im Spiel verarbeiten Kinder ihren Alltag. Geschieht dies kämpferisch bzw. in Form von Kriegsspielen, können aggressive Gefühle verarbeitet werden. 

„Wenn sie im freien Spiel, bei dem sie die Regeln selbst bestimmen können, den Kampf Gut gegen Böse inszenieren, setzen sie sich mit ihren Ängsten auseinander. In dem Moment, wo die Kinder damit spielen, haben sie Gewalt über die bedrohenden Phantasien,“ so Christian Büttner (Diplompsychologe und Mitarbeiter der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung).*

Das Spiel mit Waffen kann einen „ungefährlichen“ Umgang mit Aggressionen ermöglichen, so Christian Büttner. Verbote bewirken meistens das Gegenteil. Kinder, die von ihren Eltern streng pazifistisch erzogen würden, spielen besonders heftig Krieg, berichtet er aus seiner Praxis.*

Im Gespräch bleiben

Wenn Kinder ganz massiv viel und oft Krieg spielen, ist ein Blick „hinter die Kulissen“ sicherlich wichtig. Vielleicht hat das Kind gerade eine sehr schwierige Zeit durchzustehen und braucht Unterstützung, seine Ängste und Spannungen abzubauen. Ihm ist sicherlich nicht damit geholfen, wenn ihm das Krieg spielen einfach nur verboten wird. 

Große Gesprächsrunde mit allen Kindern meiner Gruppe 

Soweit mein Zwischenfazit: Es kann Kindern helfen, Aggressionen abzubauen, es ist eine Entwicklungsphase, sie kompensieren damit ihre Machtlosigkeit, ahmen machtvolle Beziehungen nach und  verarbeiten Erlebnisse und Eindrücke in diesem Spiel. Reine Verbote bewirken häufig das Gegenteil und Kinder, die mit Waffen spielen werden deswegen keine kriminellen Erwachsenen.

Auf meine Gedanken reagierte ein Kollege mit: „Ich will es aber nicht, ich verbiete es den Kindern und basta.“ Soviel zum Thema der Ausübung von Macht im Alltag von Kindern… Sie kämen dann von alleine darauf, aus dem Lego etwas anderes zu bauen, Handys zum Beispiel.  Ja klar, Kinder sind meist so flexibel, dass sie dann etwas anderes spielen.

Aber meine Erfahrung war eben, dass sie immer wieder Waffen bauten und sich gegenseitig beschossen. Ich kann natürlich eine Regel aufstellen, die dann zur Schulregel wird (damit sich auch ja alle daran halten). Was vermitteln ich den Kindern damit?

Gemeinsame Regelung

Ich hatte mich anders entschieden: Ich habe mich, nachdem ich oben genanntes gelesen hatte, mit den Kindern (3. und 4. Klasse) in einen großen Kreis gesetzt. Wir haben über Krieg gesprochen, über die aktuelle Lage in dieser Welt. Die Kinder wissen mehr darüber, als wir denken und finden das genauso schlimm und furchtbar wie Erwachsene. 

Sie haben mir dann gesagt, dass sie ja „nur so tun als ob“ und wirklich niemals jemanden erschießen wollen würden.  

Im Gespräch habe ich ihnen vermittelt, dass es sich für mich und andere Erwachsene erstmal ganz komisch anfühlt, wenn sie „rumballern“ und gefragt, warum sie das so gerne spielen. Sie antworteten genau die Dinge, die ich mir zum Thema angelesen hatte. „Stark sein“, „auch mal Bestimmer sein“, „das Böse besiegen“, …

Wie überlegten also, wie eine Lösung aussehen könnte, die für alle Beteiligten okay wäre: Wir haben eine Zeit am Tag (halbe Stunde) ausgemacht, in der sie mit den Waffen spielen dürfen. Sie hatten sich alle unglaublich komplizierte und aufwendige Konstruktionen aus Lego gebaut. In der restlichen Zeit sollte ich diese Bauten/Waffen in einer Kiste aufbewahren. 

Mit dieser Idee waren alle zufrieden, die Kinder haben sofort gestoppt, wenn ich gesagt habe, die Zeit sei nun vorüber. Einige verloren nach ein paar Tagen die Lust dazu und spielten wieder etwas anderes. So wäre es vermutlich bei allen anderen Kindern auch gewesen, aber dann kam die Besprechung, in der mich die Kollegen an den Pranger stellten.

 „Schulregel ist Schulregel und Krieg wollen wir hier nicht“, hieß der Tenor, so dass „meinen Kindern“ ab sofort verwehrt wurde, mit den Waffen zu spielen. 

Tja…

Sie haben es weiterhin heimlich auf dem Schulhof gemacht, dafür brauchten sie keine Legobauten, sie haben zwei Finger.

Ich habe immer so getan, als würde ich es nicht sehen, denn meine Haltung dazu kannten sie ja. Ich musste die Regel einhalten, die Kinder (auf ihre Weise) ebenso. Uns hat es dennoch in unserer Beziehung gestärkt, denn sie haben erlebt, wir werden von Anna ernst genommen! 

Ich würde also Kinder mit Waffen spielen lassen, aber im Gespräch mit ihnen sein und sehen, geht es hier um eine normale Entwicklungsphase oder sind auch extreme Aggressionen vorhanden, bei denen das Kind einen zusätzliche Unterstützung von mir benötigt. 

Am Abend nach der Besprechung hätte ich am Liebsten mit Legowaffen Krieg gespielt, denn ich fühlte mich machtlos, unterlegen, aggressiv.  Aber der Kollege hatte die Spielzeugkiste schon an sich genommen und aus den Waffen Handys gebaut…


* „Peng, du bist tot! Wenn Kinder mit Spielzeugwaffen spielen.“

„Ich schieß dich tot“ Text über den Umgang damit in einer Kita

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15 Comments

  • Reply lena 8. März 2018 at 21:10

    Danke für diesen hilfreichen Artikel und deine „gelassene“ Sicht auf das Thema. Dein Weg kommt mir so logisch vor. Gerade mit großen Kindern kann man sich schon so gut austauschen und authentisch erzählen, welche Gedanken man sich dazu macht.Und überhaupt ernst-genommen-Werden ist so eine wichtiger Wert in der Friedenspädagogik und damit sicherlich präventiv!

  • Reply Matze 9. März 2018 at 8:58

    Gut. Und sehr unterhaltsamer Schluss 🙂

  • Reply Catharina 9. März 2018 at 9:03

    Große Klasse. Dein Feingefühl für das, was dahinter steckt, ist bestaunenswert. Hilfreich es Artikel. Danke ❤

  • Reply Uta 9. März 2018 at 10:38

    Sehr erfrischend und interessant! Weiter so 🙂

    • Reply Anna 9. März 2018 at 10:43

      Danke und: wird gemacht!! 🙂

  • Reply Dhana 9. März 2018 at 14:15

    Ich finde deinen Ansatz sehr gut. Gleichzeitig erlebe ich vor allem seit ich Mama bin, dass Gewalt überall in der Legowelt mit Ninjagos und Rittern und auf sonst verherrlicht werden. Ich versuche auch das mit meinen Buben (3 und fast 6) zu besprechen. Ich möchte keine Waffen zu Hause haben und wenn sie sich Waffen basteln oder selber kreieren Weise ich darauf hin dass ich diese Spiele nicht mitspielen möchte und sie das untereinander oder mit FreundInnen machen sollen. Der Ältere malt auch viel Waffen. Wenn wir aber länger im Urlaub sind weg von Lego oder Kindergruppe wo das Thema ja auch immer aufkommt, malt er ganz andere Sachen. Das macht mich schon nachdenklich.

    • Reply Eve 11. März 2018 at 21:50

      Ja, obwohl ich Lego als kreatives Spielzeug sehr schätze, bin ich auch immer wieder erstaunt über die Verharmlosung von Waffen und Gewalt. Und mit was die Kinder spielen und was sie täglich sehen, wird wohl schon auch einen Einfluss auf die Kinder haben.

  • Reply Tanja Schneider 9. März 2018 at 15:43

    Wir haben früher Cowboy und Indianer gespielt. Wir haben uns mit Langfeuergewehren beschossen und mit Pfeilen! Wir haben uns an Bäume gefesselt und wieder losgebunden. Dieses Gefühl auf einer Seite zu kämpfen war richtig, richtig gut. Die Kinder von heute haben andere Strategien und andere Waffen. Aber die gleichen Bedürfnisse. Frauen und Männer in Erziehungsberufen sollten sich mal öfter an ihre eigene Kindheit erinnern und weniger zimperlich sein. Anna, bleib eine Querdenkerin!

  • Reply Katja 9. März 2018 at 17:18

    Guter Artikel – ich frage mich, warum in der pädagogischen Praxis (unabhängig ob wir uns im schulischen oder elementaren Bereich bewegen) so oft der Fokus zum Kind verloren geht. Gerade Kinder können oftmals sehr gut und am besten erklären, warum genau dieses Spiel gerade interessant ist. Bitte diese wertschätzende Haltung nicht verlieren 🙂 schön, dass es noch Erzieher und Lehrer gibt, die das Kind begleiten und nicht erziehen wollen!

  • Reply Sandra 9. März 2018 at 17:25

    Liebes, was für ein gelungener Artikel. Du sprichst mir aus dem Herzen. Danke sehr dafür. Sandra

  • Reply R.M. 11. März 2018 at 8:49

    Ganz toller Kommentar! Nur wirklich schade, dass man dazu übergehen muss das dann „heimlich“ zu dulden, damit diejenigen mit ihrer Schulregel glücklich sind sich durchgesetzt zu haben.
    Ich erlebe es leider oft, dass Kinder nicht gefragt werden was die Gründe für ihr Handeln sind. Schnell heißt es „die machen halt nur blöden Quatsch“, „der ist halt so aggressiv und unruhig“- den Mensch im Kind sieht nicht jeder. Umso toller, wenn es Menschen im pädagogischen Bereich gibt die anders sind und anders handeln. Toll!

  • Reply NorthWar 16. März 2018 at 19:36

    Ahhh. Ok jetzt versteh ichs 😀 Danke dir :*

  • Reply Susanne Bregenzer 17. März 2018 at 18:38

    sehr aufschlussreich! Danke dafür!

    beim Lesen fiel mir auf, dass mein Größter besonders extrem ballert, seit er in der Schule ist: oha!

    liebe Grüße,
    Susanne Bregenzer

  • Reply Susanne 10. April 2018 at 21:07

    Toller Artikel, erfrischend, ehrlich und mit gewissen Augenzwinkern geschrieben. Deine Seite ist wirklich eine tolle Bereicherung für alle Menschen die JA zur Beziehung statt Beziehung sagen.

    Danke 👍😀

  • Reply Dörte 22. April 2018 at 12:56

    Danke für den Artikel!
    Das, was ich mir dennoch wünsche ist, dass wir beginnen, die Geschichte zwischen den Menschen anders zu erzählen- nämlich als Geschichte von Kooperation, Liebe, Unterstützung, Fülle und Buntheit! Es ist erstaunlich, wie sich seit Jahrtausenden die Geschichte von Macht, Unterdrückung, Mangel und Einzelkämpfertum („Heldentum“) hartnäckig hält. Sie schreien von jeder Litfasssäule entgegen, tauchen in nahezu jedem Game, Kinderbuch etc. auf und in diesen Tenor fallen derzeit auch die unsäglichen Werbekampagnen der Bundeswehr. Wie wäre es, wenn wir Erwachsenen uns wirklich zusammentun und den jungen Menschen Alternativen aufzeigen? Glauben wir selbst daran, dass die „Welt so ist, wie sie ist“? Oder haben wir eine Idee davon, wie es sein könnte und machen uns auf den Weg des Gestaltens. Das ist eine Ebene, auf die ich Lust habe und möchte alle dazu einladen, mit „die Geschichte der Menschen“ anders zu erzählen. Es ist nicht einfach!!! Aber- so wie ich finde- lohnend. <3

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