Beziehung, Verhaltensauffälligkeiten, Wut

Ein Wüterich in Sallys Bauch

29. Juli 2016

Ich komme nach Hause…. und setze mich direkt an den Schreibtisch, denn es muss gleich raus. Ich habe ein Mädchen in der Gruppe, sie ist klein und schmächtig und hat sehr aufmerksame Augen. Sie ist eines der witzigsten Kinder, die ich kenne, immer eine gute Idee oder einen Spruch auf Lager. Doch in letzter Zeit häufen sich die Ereignisse, bei Sally ist der Wüterich eingezogen. In ihren Bauch. Und dort sitzt er nun Tag ein und Tag aus und wütet.

Die Situationen sind oft heftig und ich habe schon selbst manche Blessur davon getragen.

Heute gab es so einige Wüterich-Momente und Sally ist extrem ausgerastet.

Ich habe es schon in anderen Situationen mit festhalten versucht, aber das ist keine gute Idee, dann wird Sally noch viel wütender. Das ist nicht immer so einfach umzusetzen, weil die Wut richtet sich oft gegen ein anderes Kind und das muss natürlich auch geschützt werden. Also haben wir vereinbart, dass sie – falls es irgendwie für sie geht – wegläuft. Raus aus dem Moment. Nachdem ich die Situation vor Ort heute verlassen kann, mache ich mich auf die Suche nach Sally.

Ich finde sie in der hintersten Ecke des Gebäudes. Sie schreit und weint, ich solle sie in Ruhe lassen. „Ok, ich lasse dich in Ruhe!“ Ich denke nicht im Traum an eine Reaktion, aber ich denke, ein Versuch ist es wert: „Kann ich dir aber einen anderen, ruhigen Raum anbieten?“

Sally steht auf und sagt, „Ja, ok!“ Wir gehen schweigend in einen Raum mit Sofas und Ruhe. Dort angekommen, signalisiert mir Sally, dass ich ruhig noch bleiben soll. Wir plumpsen aufs Sofa und sie muss ein bisschen grinsen.

„Das ist alles so furchtbar und dass ich immer austicke, ich kann nichts dafür, die Anderen sind Schuld, die mich immer provozieren! Es ist nicht meine Schuld!“

Ich sage: „Keiner ist schuld!“

Sally: „Doch, Gott, der die Menschen gemacht hat und auch die Wut. Und überhaupt, wenn es ihn gäbe, dann würden ja wohl nicht alle Krieg machen und ich nicht immer soo wütend sein! Und deswegen glaube ich auch nicht an ihn. Ich glaube an eine Explosion und dass wir uns selbst erschaffen haben!“

Ok. Kleine religionspädagogische Einheit abgehakt.

„Jedenfalls sollen die anderen mich nicht ständig zum ausrasten bringen!“

„Ja, das sollen sie nicht. Aber sie machen das auch nicht absichtlich weißt du? Und vielleicht kriegen wir deinen Wüterich ein wenig gezähmt, dass es nicht jedes mal so schlimm für dich ist, wenn sie etwas sagen oder wenn du im Sport oder bei einem Spiel verlierst.“

„Nein, da kann man nichts mehr machen. Ich habe schon seit 3 Jahren versucht mich zu ändern, aber es klappt einfach nicht! Das kannst du mir glauben, da gibt es keine Hoffnung mehr.“

„Ich hab noch Hoffnung!“

„Ja?“

„Wo sitzt denn die Wut?“

„Mitten im Bauch, richtig in der Mitte, das weiß ich! Und ein Erwachsener hat mal zu mir gesagt, dass ist wie ein Fass, was voll ist und jeder Tropfen führt zur Explosion!“

„Ich habe auch das Gefühl, dass du schon jeden Tag mit einem randvollen Glas hier ankommst und es im Laufe des Tages viele Tropfen gibt. Mal läuft es nur über, manchmal explodiert es!“

„Genau so siehts aus!“ … Sally denkt nach.

„Ich hatte mal eine Kita-Direktorin, die hat immer alle Kinder geschimpft, die mich wütend gemacht haben und hat mir dann immer Schokolade geschenkt. So war ich dann nie wütend!“

Innerliches Augenrollen, diesen Schoki-Ansatz kenne ich noch nicht, find ich aber spontan ziemlich besch…

„Ich finde es an sich gar nicht schlimm wütend zu sein, es gibt ganz viele Gefühle, Wut ist einfach eines davon. Manchmal ist man traurig oder erschöpft oder fröhlich …“

Sally hakt sofort ein „Ich bin nie fröhlich!“

„Hmm, das tut mir leid. Wirklich nie?“

„Doch manchmal kann ich auch ein kleines bisschen fröhlich sein! Aber meistens doch wütend!“

„Genau, die Wut ist grad sehr groß und laut und meldet sich ständig zu Wort, vielleicht können wir sie gemeinsam zähmen.“

„Ja, jetzt grad wird das Glas ein bisschen leerer, ich merke es schon. Und wenn ich noch ein bisschen hier sitzen kann, dann wird es sich bestimmt noch weiter leeren.“

„Ok.“

„Für mich zur Aufheiterung und auch für dich, weil du ja den ganzen Stress mit mir hast, kann ich ja mal ein paar Witze vorlesen?“ (Herzschmilz-Emotji)

Wir sitzen dort eine halbe Stunde.

Ich höre mir schlechte Witze aus dem Witzebuch an (Was steht auf dem Grabstein eines Mathematikers? – Damit hat er nicht gerechnet.)

W

Irgendwann meint Sally, es wäre nur noch ein Schluck übrig und wir könnten jetzt wieder zu den anderen.

Nein, es gibt kein Happy End, wir sind auf dem Weg. Ich bin dankbar nach diesem Tag. Denn eine Woche zuvor hatte ich Sally super lange festgehalten, weil sie auf ein anderes Kind los wollte und es dauerte ewig bis sie sich beruhigte…

Ich möchte kinderwärts unterwegs sein. In Akutsituationen ist das nicht immer so leicht. Manchmal mach ich es falsch, wenn ich das merke, kann ich es beim nächsten mal anders machen. Heute war so ein Tag. Aber es gab auch heue danach nochmal kleine Situationen, wo der Wüterich kurz vorbeischaute. Sally und ich wollen uns in den nächsten Wochen um „ihn kümmern“. Beim verabschieden kam sie zu mir und meinte nur „Ich hoffe, ich kann in deiner Gruppe bleiben.“ Danke. Mehr Feedback, dass wir zwei zusammen kinderwärts unterwegs sind brauch ich nicht.

Bitte redet mit den Kindern!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Redet auch als Kollegen darüber und mit den Eltern, aber bitte redet vor allem MIT IHNEN! Heute habe ich mal wieder gesehen, wieviel Worte da sind. Wie unglaublich kompetent Sally für ihr „Problem“ ist. Ja, es ist ihrs. Da wäre es doch mega logisch, dass wir es als allerallererstes mit ihr besprechen. Und nicht nur Sätze sagen wie: „Du darfst den anderen Kindern nicht weh tun!“ Seht doch auch ihre Not! Und bitte lagert das Problem nicht aus, Therapie usw. (Das KANN unterstützend auch wichtig sein.)

Sondern nehmt ihm euch an. Ich weiß, einfacher (vor allem mit einer Gruppe) ist es meistens ohne Wüteriche in Bäuchen. Aber Sally kann lernen mit ihren Gefühlen umzugehen, wenn sie eine gute Begleitung durch dich erfährt.

Wenn du willst, erzähl ich dir wie es sich weiter mit Sally entwickelt, lass es mich in den Kommentaren wissen.

*Sally gibt es wirklich, sie heißt aber in der Wirklichkeit anders.

Das zweite Bild zeigt Wüterich ;). 

Bilder über Pixabay.

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10 Comments

  • Reply Nützliche Online-Ressourcen zum Thema frühe Bildung – Teil 3: Blogs | Fachgespräch Frühe Bildung 8. September 2016 at 17:14

    […] mit Themen, die sonst ganze Bücher füllen. Ein Blogartikel über Beobachtung und Dokumentation, herausfordernde Situationen oder über die Zukunft der Arbeit in sozialen Organisationen les ich so einfach lieber und […]

  • Reply Marcy 18. September 2016 at 1:05

    Bin durch Zufall auf Deinem Blog gelandet. Hab grad erst den zweiten Eintrag gelesen, aber ich wünsche mir schon jetzt, dass es mind „eine(r) Deiner Sorte“ in jeder KiTa gibt. D a n k e!
    Bei meinem Sohn kommt manchmal auch der Herr Knorzig (so heißt der Wüterich bei uns, aus einem unserer Lieblingsbücher) und ich habe so oft festgestellt, dass man ihn dann nicht alleine sein darf. Zuhören und eine Umarmung/ offene Arme lassen den Herrn Knorzig ganz klein werden….

    • Reply Anna 20. September 2016 at 19:52

      Hey, schön dass du zufällig hier gelandet bist. Komm gerne wieder 😉 .
      Herr Knorzig klingt auch gut, muss ich mir merken.
      Ja, ich wünsche mir auch mehr von den Menschen, die kinderwärts unterwegs sind, ich habe sie in vielen Einrichtungen vergebens gesucht. Beziehungsweise ist diese Haltung und Wertschätzung oft vergraben unter viel Stress und Verbitterung. Ich glaube bei vielen ist sie noch da (irgendwo).
      Alles Liebe für dich und euch 🙂 Anna

  • Reply WirundSie 19. September 2016 at 13:50

    Ich bin selbst Erzieherin und habe leider viel zu wenige Kolleginnen und Kollegen kennen gelernt, die so wunderbar kinderwärts unterwegs sind. Umso schöner ist es, dass es zumindest ein paar wenige gibt. Vielleicht hat SIE ja irgendwann das Glück, solch eine „Kinderwärtskollegine/-kollegen“ zu bekommen.

    Wie es mit Sally weitergeht? Das würde ich sehr gerne lesen.

    • Reply Anna 1. November 2016 at 13:01

      Hey.
      Ich freu mich mega, dass du als Erzieherin auf meinem Blog gelandet bist! 🙂
      Ich kenne auch nicht so viele KollegInnen die kinderwärts unterwegs sind, aber schon einige, und nun noch eine mehr;)!!
      Es gibt übrigens einen zweiten Sally Teil.
      Alles Liebe für dich!!
      Anna

  • Reply Daniela Steiger 25. September 2016 at 20:55

    verdammt-du wärst bei uns in der einrichtung genau richtig….
    danke für deinen blog!
    ich bin irgendwie hier gelandet u fühle mich wohl!
    danke!!!!

  • Reply Tanja 22. Oktober 2016 at 8:13

    Hallo Anna, ich bin Tanja und finde deine Blogbeiträge toll. Mach weiter so! Liebe Grüße Tanja

    • Reply Anna 1. November 2016 at 10:59

      Liebe Tanja,

      danke, das freut mich zu lesen! Ich mache -soweit es mir möglich ist- 😉 weiter so und freu mich, wenn du Menschen es mögen und lesen und inspiriert und so kinderwärts unterwegs sind.
      Alles Liebe für dich
      Anna

  • Reply maria carolina solano 5. Juli 2017 at 20:46

    Hallo liebe Ana, ich bin Kindergartenpädagogin, und bin zufällig auf deinen Blog gelandet, ich finde super, alles was du schreibst. Hast mir schon Tipps gegeben. Danke dir und macht weiter so. Glg

  • Reply Nicole 5. Juli 2017 at 21:43

    Hallo Anna,
    Respekt und Daumen hoch für deine tolle Arbeit. Ich selbst bin auch Erzieherin, im Krippenbereich und derzeit in Elternzeit,
    Es ist Nicht immer leicht und man driftet leider immer wieder mal in die falsche Gedankenrichtung. Aber ich lese dann noch einmal und rufe mir das wesentliche wieder auf. Die Kinder sollen sich doch wohl fühlen und zu Persönlichkeiten heranwachsen.

    Wie ist es mit Sally weiter gegangen?

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