Held*innen

Maria Montessori – wunderbarer Querkopf

13. April 2017

Ich weiiiiiß, ihr kennt Maria Montessori alle! Vermutlich wärt ihr sonst nicht auf meinem Blog unterwegs… Wenn man so ein bitzeli bedürfnisorientiert im Kontakt mit Kindern denkt, kommt man nicht an ihr vorbei.

Und sicherlich seid ihr ihr auch in der Ausbildung/Studium begegnet. In meinem Studium streiften wir allerdings nur sehr oberflächlich ihre Pädagogik. Ich bin also keine langjährige Maria Montessori Expertin. Grund genug, mich nochmal ihrer Haltung zu widmen.

Ich gebe euch jetzt also keinen Maria Montessori Rundumschlag, sondern einen kleinen feinen Einblick in die Ideen und Gedanken, die für mich besonders „kinderwärts“ sind.

Die Altersmischung

Dies war für Montessori ein ganz wichtiger Punkt: Kinder verschiedener Altersklassen in einer Gruppe. Eigentlich ist es natürlich für uns Menschen, in Gruppen und Gemeinschaften unterwegs zu sein, die aus vielen Menschen unterschiedlichen Alters bestehen. Auch evolutionär gesehen: Kinder waren mit ihrer Horde unterwegs und waren dort umgeben von Menschen. Nicht nur mit Kindern, die exakt gleich alt waren wie sie selbst.

Kinder des gleichen Alters in eine Gruppe zu stecken, ist eine Erfindung der Schule.

„Es ist unmenschlich und grausam, Menschen gleichen Alters zusammen zu tun. Dasselbe trifft auf Kinder zu, denn dadurch zerreißen wir das Band des sozialen Lebens und nehmen ihm seine Nahrung!“¹

Es ist wirklich viel logischer, altersgemischte Gruppen zu etablieren. Denn jüngere Kinder lernen von älteren Kindern. Für die älteren Kinder verfestigt das Gelernte noch einmal. Dabei lernen Kinder die allseits geforderten Sozial-Kompetenzen, sie lernen es ganz natürlich, weil es unsere Natur ist.

André Stern, der selbst nicht zur Schule gegangen ist, beschreibt, wie er von Menschen gelernt hat und sich mit Erwachsenen umgeben hat. Er hat als Kind immer wieder Menschen gefunden, die sich auf ihn eingelassen haben und von denen er so gelernt hat. Denn Kindern wollen nicht automatisch Kontakt mit Kindern, sie suchen Kontakt zu Gleichgesinnten und zu Menschen, die spielen. Und dies tun meistens die anderen Kinder. Das heißt aber eben nicht, dass Kinder nicht genauso gern mit (spielenden) Erwachsenen oder eben mit älteren und jüngeren Kindern zusammen sind.

Stecken wir nur blonde Kinder in eine Gruppe? Stecken wir nur Kinder mit Sommersprossen in eine Gruppe? Stecken wir nur blauäugige Kinder in eine Gruppe? Oder um es noch deutlicher zu machen: Stecken wir nur Mädchen oder nur Jungen oder dunkelhäutige Kinder in eine Klasse? Nein! Das tun wir zum Glück nicht mehr!!! Warum aber sind wir (bis auf ein paar wenige JÜL-Klassen) immer noch nicht abgerückt von der Alterstrennung?

Kinder wollen lernen

Früher ging man davon aus, Kinder seien unwillig und wild und man müsse sie mit Strafen zum Gehorsam erziehen und zum lernen zwingen, so steht es in vielen Texten über Montessori, um die damalige Erziehungs- und Bildungslandschaft zu beschreiben.

Ähm… Früher? Wenn ich das so lese, werde ich mal wieder kurz depressiv. Denn ein kurzer Blick in die meisten Bildungseinrichtungen zeigt, früher ist heute. Ja, es hat sich einiges geändert in unseren Einrichtungen, aber die Grundhaltung, auf dem das System basiert, ist die gleiche. Und ich kann irgendwie nicht glauben, dass Montessori wie auch Astrid Lindgren oder Janusz Korczak (und einige andere) vor hundert Jahren diese revolutionären Gedanken hatten und wir heute immer noch mit diesen Einstellungen von damals in unseren Schulen herum krepeln.

Im Kindergarten scheint es uns noch klar zu sein, aber ab der Schule verliert sich die Spur dieser Erkenntnis irgendwie: Kinder wollen lernen!!!!

Sie werden geboren  mit dem Drang zu wachsen und zu lernen! Im Moment ist es so, dass diese Lernlust den Kindern in der Schule eher abtrainiert und ausgetrieben wird. Gerlad Hüther beschäftigt sich sehr mit diesem Thema und zusammen mit einigen Schüler*innen und Lehrer*innen gab es eine kleine Bewegung der Schule Im Aufbruch mit dem Titel „Lernlust statt Schulfrust“. Ich finde das trifft es ganz gut auf den Punkt.

Hilf mir, es selbst zu tun!

ist einer der berühmtesten Leitsätze von Montessori. Sie richtete Räume kindgerecht ein und entwarf sehr viel Lernmaterial, das Kindern das Lernen erleichterte. Ihre Materialien regten alle Sinne an, Perlenstäbchen, die das Rechnen erlebbar machten oder Buchstaben aus Sandpapier zum fühlen.

Die vorbereitete Umgebung ermöglicht dem Kind Bewegungsfreiheit, Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Sie ist klar strukturiert und voller Lernangebote, die die Kinder zum Tun auffordert. Diese Umgebung ist auf die natürlichen Bedürfnisse der Kinder hin ausgerichtet und nutzt das ungeheure Entwicklungspotential der Phase, in der die Kinder sich gerade befinden. Denn trotz der angewandten Altersmischung ist klar, 0-3 jährige Kinder brauchen etwas anderes als 3-6 jährige. Weiterhin teilte Montesssori noch die Altersgruppen von 6-12 Jahren und 12-18 Jahren ein.

Montessori beschrieb Erzieher*innen und Lehrer*innen als Entwicklungsbegleiter*innen und das finde ich eine wunderbare Beschreibung. Wir schaffen die Bedingungen, die das Kind braucht, damit es (selbst) lernt, die Dinge zu tun.

Freiheit

„Freiheit bedeutet nicht, ‚dass man tut, was man will‘, sondern Meister seiner selbst zu sein.“¹ In der vorbereiteten Umgebung wird dem Kind eine große Freiheit zugestanden. Die Kinder dürfen selbst wählen, was sie lernen wollen, mit wem sie es lernen wollen und wie lange sie sich dieser Aufgabe widmen möchten. Es geht dabei absolut nicht darum, die Kinder sich selbst zu überlassen oder um ein Gewährenlassen. Es gibt auch gemeinsame Regeln, die ein geordnetes Arbeiten des Einzelnen, wie auch der Gruppe gewährleisten.

Stille

Eines Tages betrat Montessori mit einem Säugling auf dem Arm das Kinderhaus. Die außerordentliche Ruhe, welche von dem Säugling ausging beeindruckte Montessori und sie wollte die Kinder auch daran teilhaben lassen: „Es macht gar keinen Lärm“, sagte sie, und scherzend fügte sie hinzu: „Niemand von euch könnte ebenso still sein“. Verblüfft beobachtete sie, wie sich der Kinder rings umher eine intensive Spannung bemächtigte. Es war, als hingen sie an ihren Lippen und fühlten aufs tiefste, was sie sagte.

„Sein Atem ist ganz leise“, fuhr sie fort. „Niemand von euch könnte so leise atmen.“ Erstaunt und regungslos hielten die Kinder den Atem an. Eine eindrucksvolle Stille verbreitete sich in diesem Augenblick. Man hörte plötzlich das Ticktack der Uhr, das sonst nie vernehmbar war. Es schien, als hätte der Säugling eine Atmosphäre der Stille in dieses Zimmer gebracht, wie sie im gewöhnlichen Leben sonst nie besteht. Niemand machte auch nur die leiseste wahrnehmbare Bewegung, und als sie die Kinder später aufforderte, diese Übung der Stille zu wiederholen, gingen sie sogleich darauf ein. … Was sich hier kundgab, war eine innere Übereinstimmung, geboren aus einem tiefinneren Wunsch. Die Kinder saßen still bis zur Regungslosigkeit, beherrschten sogar ihre Atemzüge und hatten dabei heiter angespannte Züge, so als seien sie in Meditation versunken. … .“ ²

Montessori griff dieses Ereignis auf und entwickelte verschiedene Stille-Übungen oder schöner gesagt Momente der Stille.

Ich liebe es, mit den Kindern still zu sein! Natürlich 🙂 ! Unser Job ist auch sonst so unglaublich laut. Aber die Magie der gemeinsamen Stille mit Kindern hat noch mehr als einfache Ruhe nach einem lauten Kita- oder Schultag. Die Gruppen und Klassen, die wir betreuen, werden immer größer und ruhige Momente in unserer Gesellschaft immer seltener. Kindern fällt es oft erst einmal schwer, still zu sein, weil sie es gar nicht gewöhnt sind und es Unbehagen auslösen kann.

Wir dürfen uns trauen, wieder mehr Stille in den Alltag mit Kindern einfließen zu lassen. Hier gibt es ein paar praktische Übungen für Schule und Kita.

Nerviger Querkopf 

Montessori wird als nerviger Querkopf beschrieben. Das war für sie zwar bestimmt extrem anstrengend und abwertend, ich finde es aber für dich und mich extrem beruhigend!

Immer wieder ecke ich an, mit meiner Haltung, mit meinen Ideen. „Ja, aber“ sind zu oft gehörte Satzanfänge. Und ich weiß, dass es einige da draußen von euch gibt, denen es genauso geht…! Aber nerviger Querkopf zu sein, zahlt sich scheinbar aus – vor allem für die Kinder, die wir begleiten dürfen.

Wenn es also mal wieder Situationen im Alltag gibt, wo man dich als nervigen Querkopf darstellt, denk an Maria Montessori und daran, wieviel sie bewirkt hat trotz so viel Gegenwind!! Und ich sage dir: du bist vielleicht ein Querkopf, aber ein wunderbarer Querkopf, genauso wie sie!!! ♥ ♥ ♥

 

Wenn du noch etwas tiefer in die Montessori Pädagogik eintauchen willst, dann schreib mir! Ich hab auf jeden Fall Lust noch mehr von ihr zu lernen und hier dazu zu schreiben.


¹ Zitate von Maria Montessori

² Aus dem Buch Kinder sind anders von Maria Montessori

Fotos von www.montessoricentenary.org/photos/

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2 Comments

  • Reply Angela Mereth Wiesmüller 14. April 2017 at 10:48

    ….Habe eine private Kunst und musikschule und lebe und arbeite als querköpfin seit ich mich erinnern kann und darf dabei ansteckend sein und bin glücklich immer wieder auf weitere querköpf-innen zu stoßen. …Danke. …

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