Beziehung, Wertschätzung

Wie du dir wirklich Respekt verschaffst

25. Juni 2016

 „R-E-S-P-E-C-T find out what it means to me“ …

Aretha Franklin pflanzte uns einst den Ohrwurm in den Kopf, Kinder verlangen voneinander „hab ma Respekt, man!“ und jeder (groß, klein, alt, jung, breitschultrig oder zartgliedrig) wünscht sich einen respektvollen Umgang. Respekt ist in unserer Gesellschaft ein hoher Wert!

Manch einer meint, man (also Kinder) müsse Respekt vor dem Alter (also vor Erwachsenen) haben.

Oder muss man sich Respekt verdienen?

Mangelnder Respekt

Der mangelnde Respekt von Kindern und Jugendlichen wird immer wieder beklagt. Früher, ja früher da hatten die Kinder noch Respekt vor Eltern, LehrerInnen und ErzieherInnen.

Aber seit einigen Generationen ist es so, dass eine Autoritätsperson nicht automatisch von Kindern respektiert wird. Ich würde sagen, zum Glück ist das so. Das ist eine gesunde Entwicklung in unserer Geschichte. Denn, nein, früher war nicht alles besser! Das, was Kinder früher den älteren Generationen entgegenbrachten war Angst und nicht Respekt.

Zitat J.Juul

Kinder wollen gesehen und verstanden werden. Sie wollen sich mit uns verbinden und verbünden. Wenn sie sich verstanden und akzeptiert fühlen, werden sie dir auch respektvoll begegnen. Nach dem Motto: wie es den Wald hineinschallt, so schallt es auch hinaus. Das ist auf jeden Fall meine Erfahrung. Das heißt nicht, dass sie immer alles ganz brav und gehorsam machen, was ich sage!

Und da geht es jetzt los: was heißt Respekt denn überhaupt? Was heißt es für dich ganz konkret?

Für mich scheint es eine Art Überbegriff für verschiedene Werte zu sein. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass Respekt nur ein anderes Wort für Gehorsam ist. Kinder sollen die Klappe halten und das machen, was Erwachsene sagen.

Mir persönlich geht es beim Begriff Respekt um Wertschätzung, um Unvoreingenommenheit, um Anerkennung.

Ich möchte die Würde von Kindern achten, indem ich ihnen zugestehe, dass sie als Person den gleichen Wert wie Erwachsene haben. Das bedeutet wiederrum, dass ich ihr Verhalten und ihre Aussagen so ernst nehme wie ich es eben bei Erwachsenen mache. Das klingt eigentlich ganz simpel, ist mir aber noch in wenigen Kitas und Schulen begegnet. Man ist vielleicht nett zu den Kindern (selbst das oft nicht), aber man ist ganz klar oben und die Kinder sind unten.

Eine persönliche Autorität entwickeln

Verlange nicht von Kindern, dass sie dich per se (per Rolle) respektieren.

Kinder sind Teamplayer und wollen sich mit uns verbinden und uns respektieren. Wenn sie merken, dass du sie siehst, dich für sie interessierst, eine Beziehung zu ihnen aufbaust, für sei einstehst und ihnen im Kontakt deutlich machst was dir wichtig ist, dann respektieren sie dich.

Ein Beispiel

Wenn es also eine Situation gibt, wo ein Kind, nennen wir ihn Matze*, dich zum Beispiel nachäfft/sich lustig über dich macht (was ich persönlich mega nervig und respektlos finde). Dann kannst du so reagieren: „So, – wenn du so frech bist, gehst du jetzt raus, bekommst einen Eintrag und ich werde demnächst darüber mit deinen Eltern sprechen!“. Kann man machen.  Du hast dann deine Macht ausgeübt, hast den Konflikt mit deiner autoritären Rolle „gelöst“. Möglicherweise hast du ab jetzt Ruhe und Matze macht das nicht mehr.

Hat er nun Respekt? Ich meine, wir sollten das viel besser mit Angst beschreiben: Angst vor einem Eintrag ins Klassenbuch, einem Verweis oder vor Strafen seiner Eltern (wie Playstation- und Fernsehverbot o.ä.). Oder er hat einfach keinen Bock auf Hofdienst beispielsweise oder auf eine andere disziplinarische Maßnahme, die Matze über sich ergehen lassen muss, wenn er frech zu einer Autoritätsperson  ist.

Matze hat aber keinen Respekt vor DIR!!

boy-Respekt

Kläre die Situation auf Beziehungsebene.

Dafür musst du dich selbst einbringen, persönlich und authentisch.

Wie würdest du reagieren, wenn sich jemand aus deinem Freundeskreis bei einem Abendessen über dich lustig macht? Oder dein Partner? Raus schicken, Eintrag ins Freundebuch, Eltern anrufen? 😉

Ich gehe hin zu dem Kind (in der Situation oder danach in Ruhe) und sage ihm dass ich nicht möchte, dass er das macht!! Ich positioniere mich klar und eindeutig! Und ich sage ihm, warum ich es nicht möchte: Ich bin beispielsweise verletzt und gekränkt oder einfach nur genervt. Vielleicht finde ich es sogar eigentlich lustig, wenn Matze mich imitiert, aber die Situation passt einfach nicht, weil ich gerade in Ruhe was erklären und voran kommen möchte.

Jede*r hat verschiedene Grenzen. Wenn ich immer höre „Kinder brauchen Grenzen“ kann ich nur immer wieder sagen: Ja, aber eben keine Pauschalgrenzen. Sie müssen die wichtige Erfahrung machen, meine Grenze kennen zu lernen, denn sie wollen mich kennen lernen. Und damit unser „Zusammensein“ funktioniert, müssen sie ein Gespür für meine Grenzen entwickeln. Das tun sie, indem sie diese übertreten und ich dann deutlich mache „hier ist meine Grenze, da will ich nicht, dass du darüber latschst. Ich möchte nicht dass du mich nachäffst!“

Für mich bedeutet es aber auch, dass ich die Grenzen der Kinder kennenlerne und nicht übertrete, indem ich meine Macht ausnutze! Matze lernt mich kennen, er lernt dass ich das nicht möchte, weil es mich kränkt und nervt. Und er lernt, dass ich ihn respektiere, weil ich ihm nicht auf Machtebene Strafen aufbrumme.

Matze ist der Klassenclown, der Joko und Klaas der Gruppe und manchmal passiert es trotzdem, dass er mich nachahmt, nicht weil er mich ärgern will, einfach weil er es lustig findet. Aber es ärgert mich trotzdem. Mittlerweile reicht aber ein Blick oder ein „das hatten wir besprochen“ und es fällt ihm wieder ein und er entschuldigt sich. Das zeigt mir, dass er mich anerkennt und wertschätzt.

Respektlose Kinder“            … All I´m asking is for  a little respect …

Vielleicht denken einige jetzt: „Ja, ok, mag sein. Das klappt vielleicht mit manchen Kindern, aber was ist mit einem Kevin der sich einen Scheiß darum kümmert, dass ich ihm von meinen Gefühlen erzähle oder dass ich mich klar positioniere?“

Ja, das kenne ich auch!

Das sind wahrscheinlich auch die Kinder, denen deine Strafen und Konsequenzen pupsegal sind und die noch eine Schippe drauf legen werden. Du hast ihnen ja den Machtkampf angesagt.

Kinder, denen von Erwachsenen nie – nicht zu Hause, nicht in der Schule – Respekt entgegengebracht wird, denen fällt es schwerer und es wird länger dauern, bis du sie davon überzeugst, dass sie dir wirklich wichtig sind und du sie respektierst. Und dann wird es nochmal dauern, bis sie dieses Verhalten in sich verankern. Es wird dauern bis sozusagen der Pegel über 0 steigt und sie dann anfangen können dir mit Respekt zu begegnen.

Du musst ihnen einen großen Respektvorschuss geben und in dieser Phase wahrscheinlich immer wieder „respektloses“ Agieren und Verhalten einstecken.

Echte Wertschätzung bedeutet für mich, dass ich den Wert (je)des Menschen schätze – unabhängig davon, ob er mich schätzt und anerkennt.

Bleib am Ball!

Hab im Blick, dass dieses herausfordernde Kind (wahrscheinlich aufgrund seines herausfordernden Verhaltens) an sehr wenigen Stellen selbst respektvoll behandelt wird. Vielleicht bist du die/der einzige, die/der das tut. Noch besser ist es natürlich, wenn ihr im Team diese Haltung einnehmt, einübt und vielleicht sogar das gesamte Umfeld miteinbezieht.

Hab(t) Geduld.

Dieses Kind braucht das Gefühl von Geborgenheit, Verständnis, Angenommen sein. Möglicherweise sind das nicht die Begriffe, die dir zuerst in den Sinn kommen, wenn du an dieses Kind denkst. Man hat meistens das Gefühl, dass diese Kinder ganz bestimmt nicht so eine Weichspüler-Nummer wollen, sondern eher eine harte Hand brauchen. Darum geht es nicht. Es geht wirklich um das absolute Grundbedürfnis eines jeden Menschen geliebt und akzeptiert zu sein – so wie man ist.

Konzentrier dich auf die Begabungen und Talente, denn oft fallen uns nur all die nervenden Situationen auf und wir haben gar keinen Blick mehr für das Kind und all seine besonderen Seiten, die es auf jeden Fall hat!!!!!!! Nimm dir Zeit und trag zusammen, was das Kind gut kann. Schreib es dir auf. Was macht das Kind aus? Wer ist dieser Mensch? Versuche zu verstehen, was es denkt und fühlt. Unabhängig davon, was du selbst denkst. Das Kind darf so sein wie es ist und es ist ok so wie es ist, es geht um diese Grundhaltung. Verbring viel Zeit mit dem Kind.

Das bedeutet auch, dass du vielleicht aus deiner Komfortzone raus musst, ich bin zum Beispiel nicht sonderlich sportlich, aber indem ich mit Kindern gekickt habe, konnte ich Kontakt aufbauen. Ich kann auch kein Schach, oder finde Sammelkarten nicht spannend, ich lese auch privat nicht die Bravo oder gucke DSDS, oder finde Violetta gut, aber es hat mir schon den Weg zu einer Beziehung geebnet und gehört für mich zum Beziehungsaufbau, dass ich mich dafür interessiere, was das Kind interessiert.

Signalisiere dem Kind: du bist ok, so wie du bist! Und ICH respektiere DICH! Ich verspreche dir, irgendwann wirst du es im Verhalten des Kindes merken! Und es wird respektvoll mit dir und anderen umgehen. Ich wünsche dir viel Gelingen auf diesem Weg, wo du manchmal nur in kleinen Tippel-Schritten voran kommst, aber, wo du auf jeden Fall kinderwärts unterwegs bist.

Falls dir zwischendurch mal der Geduldsfaden reißt, schreib mir. Oder hör dir eine Runde Aretha´s Song an :)!

 

Hier findest du einen Artikel von J.Juul zum Thema Respekt, von dem ich einige Punkte hier aufgegriffen habe und der u.a. die Wichtigkeit der Beziehunsgkompetenz beleuchtet. Und hier ein Link zu dem Buch „Du bist ok, so wie du bist!“, ein ganz wunderbares Buch.

 

*Matze hat im realen Leben einen anderen Namen.

 

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8 Comments

  • Reply Katharina 25. Juni 2016 at 18:33

    Ich bin die erste, die erste…schnell schnell!
    Ich bin begeistert, Anni das ist ganz wundervoll. Habe bisher nur RESPEKT gelesen und bin wie gesagt , begeistert!
    Weiter so ich freu mich auf mehr… Danke für die tolle Idee diesen Blog zu eröffnen.

    • Reply Anna 25. Juni 2016 at 22:16

      YES!! Du warst die erste. Respekt ;);)! Danke für dein tolles Feedback. Allerliebste Grüße

  • Reply Rahsan 25. Juni 2016 at 22:39

    Du sprichst, bzw. schreibst mir aus der Seele. Im Grunde doch leicht, wenn man bedenkt, dass wir Erwachsenen uns das auch so wünschen.
    TOll

    • Reply Anna 25. Juni 2016 at 23:39

      Liebe Rahsan, danke!
      Ja, eigentlich ist es ganz leicht, aber im Alltag doch schnell vergessen, weil alte Strukturen und Muster so tief in uns verankert sind. Und ja, dieses Verhalten wünschen wir uns als Erwachsene auch, auch in unseren erwachsenen Beziehungen können wir noch viel lernen und im Grunde wieder kinderwärts unterwegs sein.
      Liebster Gruß

  • Reply Libritantala 10. Juli 2016 at 15:40

    Und wer windelt die alle – bei dem esoterischen Geschwafel ?

    • Reply Anna 20. Juli 2016 at 21:07

      Lieber anonymer Mensch,

      Ich! Ich windele sie, aber nicht äußerlich sondern innerlich. Ich versuche die teilweise geschundene Kinderseele zu windeln, damit sie wieder respektvoll und wertschätzend unterwegs sein kann!!

      Mit Esoterik hab ich nicht so viel am Hut, du findest es scheinbar auch nicht so gut!

      Irgendwas scheint dich in jedem Fall am Text zu stören, das ist absolut legitim. Beim nächsten Mal einfach etwas differenzierter darstellen, WAS du so anders siehst! (But dont forget the Netiquette).

      Mit Grüßen Anna

  • Reply Ann-Katrin 15. Dezember 2016 at 20:51

    Wie ich mich in dem Text wieder erkenne… Unfassbar. Und ich kenne auch genügend Kolleginnen und Kollegen, die „nur nett und manchmal nicht mal das“ zu Kindern sind.
    Und gerade das macht mich so fertig, dass ich schon oft dachte, ich will nicht mehr Erzieherin sein (und ich will auch nicht, dass mein Kind in ne Kita muss, wer weiß, wie da die Erzieherinnen drauf sind?)
    Guter Text ,wirklich.
    LG

  • Reply Andrea 20. März 2017 at 21:22

    Liebe Anna danke für den schönen Text. Er hat mich an den Artikel von Janusz Korczak erinnert, den ich kürzlich las „Das Recht des Kindes auf Achtung“. Sehr bewegend..

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